ROMAN: Der Komponist Schostakowitsch im Würgegriff Stalins

Wie überlebt man als russischer Komponist den Stalinismus? Julian Barnes erzählt, wie Schostakowitsch zur Anpassung gezwungen wurde. Und wie Machtterror ihn zerstörte.

Arno Renggli
Drucken
Teilen
Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch 1975 in Moskau, einen knappen Monat, bevor er an einem Herzinfarkt starb. (Bild: Keystone)

Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch 1975 in Moskau, einen knappen Monat, bevor er an einem Herzinfarkt starb. (Bild: Keystone)

Arno Renggli

arno.renggli@luzernerzeitung.ch

Leningrad 1937: Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch steht jede Nacht mit gepacktem Koffer neben dem Lift in seinem Wohnhaus. Der Komponist wartet darauf, verhaftet zu werden. Und will Frau und Kindern diesen Anblick ersparen. Was ist geschehen?

Stalin hat vorzeitig eine Aufführung von Schostakowitschs Oper «Lady Macbeth von Mzensk» verlassen – das ist geschehen. Vielleicht waren die Bläser und das Schlagwerk unter der Loge des Diktators ein wenig zu laut, wer weiss das schon. Stalin ist gegangen, was den Rezensenten der «Prawda» bewogen hat, die Oper gnadenlos zu verreissen, was das Werk im ganzen Sowjetreich diskreditiert und den Komponisten als «Volksfeind» auf die staatliche Abschussliste gebracht hat. Und deshalb wartet dieser nun auf die Verhaftung.

«Die Macht» korrumpiert die Kunst

Doch diese bleibt aus. Zwar verschwinden Leute, die sich für ihn einsetzen, er selber bleibt auf freiem Fuss. «Die Macht», wie Julian Barnes Stalins Apparat bezeichnet, will ihn mit subtileren Mitteln auf den künstlerisch und politisch rechten Weg bringen.

Der Roman des britischen Bestsellerautors ist keine weitere der zahllosen Biografien über Schostakowitsch, der mit Strawinsky, Prokofjew oder Rachmaninow zu den wichtigsten russischen Komponisten des letzten Jahrhunderts gehört. Barnes interessiert sich für das Wechselspiel zwischen Macht und Kunst, die Korrumpierfähigkeit der ersteren und die Resistenz der letzteren. Im Falle von Schostakowitsch, wie in vielen anderen auch, trägt die Macht den Sieg davon. Der Künstler erhält sich zwar die Freiheit der subtilen Rebellion via ironische Andeutungen in seinen Werken. Aber er lässt sich von Stalin und seiner Maschi­nerie einschüchtern, künstlerisch einspuren, politisch einspannen, einfach weil er sich und die Seinen beschützen will. Er schreibt optimistische Musik, die das Volk bei der Stange halten soll. Er hält politische Reden, die andere für ihn geschrieben haben.

So auch im Ausland: Als Mitglied einer russischen Delegation auf US-Besuch hält er ein Referat, das er vorher nicht gelesen hat. Plötzlich fährt der Text über Strawinsky und Prokofjew her, geisselt ihre das Vaterland verratende Musik. Schostakowitsch stirbt fast vor Scham.

Das Unfassbare geschieht: Eintritt in die Partei

Barnes beschreibt, wie Schostakowitsch unter dieser verformenden Repression leidet, insofern ist das Buch auch ein Psychogramm des Komponisten. Dieser erscheint als weltfremder, hadernder, zaudernder Mensch, auch der Begriff «Feigling» fällt. Klar wird aber auch, dass er kaum Alternativen hatte, wenn er in Russland leben, überleben und arbeiten wollte. Zu stark war der Einfluss der «Macht». Wie vielfältig dieser funktioniert, zeigt der Autor auf erschreckende Art.

Eindrücklich ist die konkrete Bedrohung im Stalinismus, genauso aber die subtilere nach Stalins Tod, als Chruschtschow an der Macht ist. Hier geschieht gar das Unfassbare: Schostakowitsch lässt sich durch beharrlichen Druck dazu bringen, in die kommunistische Partei einzutreten.

Von dieser Demütigung, die ihm auch Freunde und andere Künstler nicht verzeihen, erholt er sich nie. Und es beeinflusst bis heute den Blick auf sein Werk – ein grosses, darunter aber auch vieles, das er als Marionette des Regimes geschaffen hat. Wie weit darf man sich der Macht beugen, um einen Teil der Kunst zu retten? Und um – das muss auch gesagt sein – gut leben zu können, mit Dienstwagen und Datscha? Schostakowitsch hat eine Antwort darauf gesucht, glücklich ist er damit nicht geworden. So hofft er nur noch auf den erlösenden Tod, der auch «seine Musik von seinem Leben befreien» würde, wie es Julian Barnes formuliert.

Barnes schildert dies alles mit den brillanten literarischen Mitteln, die er hat. Gedanklich stark, sprachlich präzis und suggestiv zugleich, durchaus auch mal angriffig und polemisch, oft mit grimmiger Ironie. Entstanden ist so ein brisanter und bewegender Künstlerroman. Der auch ein Plädoyer ist für die Freiheit des Künstlers. Oder wie Barnes schreibt: «Kunst gehört allen und niemandem. Kunst gehört denen, die sie erschaffen, und denen, die sie geniessen. Kunst ist das Flüstern der Geschichte, das durch den Lärm der Zeit zu hören ist.»