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ROMAN: Der unbändige Wunsch, selbst eine Pflanze zu werden

Han Kang ist hier noch eine Unbekannte. Mit dem Gewinn des Booker- Preises für «Die Vegetarierin» dürfte sich das rasch ändern.
Anne-Sophie Scholl
Erobert gerade die Literaturszene: Han Kang. (Bild: Getty)

Erobert gerade die Literaturszene: Han Kang. (Bild: Getty)

Korea ist ein weisser Fleck auf der literarischen Weltkarte. Zumindest in der Wahrnehmung im Westen. Im Mai jedoch hat ein Buch aus diesem Land den Booker-Preis für internationale Literatur gewonnen. Und was für ein Buch. «Die Vegetarierin» ist eine der Entdeckungen des Jahres. Mit ihrem surreal anmutenden Roman über eine Frau, die beschliesst, kein Fleisch mehr zu essen, und sich fortan danach sehnt, eine Pflanze zu werden, stach die Autorin Mitkonkurrenten wie Elena Ferrante oder Nobelpreisträger Orhan Pamuk aus.

Untergründige Brutalität

Es ist vor allem die Sprache, die einen gefangen nimmt in dem Buch, das nun in der Übersetzung von Ki-Hyang Lee auf Deutsch vorliegt. Han Kang schreibt einfache, aber zugleich hochsaturierte Sätze, deren Kraft man sich kaum entziehen kann. Es ist, als richteten sich die Wörter auf und zögen den Leser hinein in eine Welt der Gerüche und Farben, der Stimmungen und Emotionen. Das ist manchmal betörend schön. Und zugleich verstörend. Denn untergründig lauert eine grosse Brutalität.

«Bevor meine Frau zur Vegetarierin wurde, hielt ich sie in jeder Hinsicht für völlig unscheinbar. Um ehrlich zu sein, fand ich sie nicht einmal attraktiv. So fühlte ich mich weder von ihr angezogen noch abgestossen», lässt Han Kang ihren Erzähler sagen und baut schon mit dem ersten Satz eine subtile Drohung auf. Nach einem Albtraum packt Yong-Hye eine Mülltüte voll mit «Fonduefleisch, Schweinebauch, zwei Packungen Rinderfilets, Tintenfisch, Aal, mit gepökeltem und mit gelben Fäden umwickelten Trockenfisch, Teigtaschen und einer Menge nicht erkennbarer Lebensmittel» – all das scheint in Südkorea in der Gefriertruhe eines Haushaltes zu finden zu sein.

Im Westen ist Vegetarismus heute hip. In Korea jedoch ist der Verzicht auf Fleisch ein rebellischer Akt. In der Folge verpatzt Yong-Hye ein wichtiges Geschäftsessen ihres Mannes mit ihrem Vegetarismus, bei einem Familientreffen baut sich ihr Vater, ein Vietnamkriegsveteran, vor ihr auf und versucht gewaltsam, mit Essstäbchen ein Fleischstück in ihren Mund zu zwingen. Yong-Hye jedoch hat entschieden, sich selbst aller menschlichen Gewalttätigkeit zu entziehen.

Han Kang hat ihren Roman als formvollendetes Triptychon komponiert. Die drei Teile, die sich auch als allegorische Variationen über Macht, Begehren und Schuld lesen lassen, erschienen in Korea ursprünglich als einzelne Novellen, die aus je verschobener Perspektive die Geschichte weiterdrehen. Zuletzt befindet sich Yong-Hye in einer psychia­trischen Klinik, wo sie wegen nervlich bedingter Magersucht und Schizophrenie zwangsinterniert ist. Sie jedoch übt den Handstand und sieht sich als Baum im schwarzen Regen stehen.

Kraftvolle Bildwelten

Während der dritte Teil ihre Schwester zu Wort kommen lässt, ist der Mittelteil aus der Perspektive von Yong-Hyes Schwager erzählt, einem Künstler mit gesellschaftspolitischer Agenda. Ein Geburtsmal auf Yong-Hyes Körper, das an ein pflanzliches Ornament erinnert, weckt in ihm eine erotische, aber vor allem künstlerische Fantasie: die Vereinigung zweier «mit Nachtschattengewächsen und Tagblütlern» bemalter Körper, die wie zwei ineinander verschlungene Pflanzen aussehen.

Sie lässt ihm seine bisherigen von Realismus geprägten Arbeiten, die «das Leben des gebrochenen, von der spätkapitalistischen Gesellschaft zerstörten Menschen» dokumentierten, als «fürchterlich ungenügend» erscheinen. Eine Einschätzung, die sich als Kommentar zu Han Kangs eigener Kunst lesen lässt. Doch während die Grenzüberschreitungen ihrer Figuren im Buch zur rigiden Sanktion durch die Gemeinschaft führen, sichert sich die Autorin mit ihrem Text die Anerkennung der internatio­nalen Literaturwelt.

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