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ROMAN: Die Eitelkeit im Visier

Philipp Tingler kennt man etwa aus dem «Literaturclub». In seinem neuen Roman lässt er die seltsamsten Typen aneinander vorbeireden. Und einer geht sogar anstelle eines Freundes in die Therapie.
Philipp Tingler (45) mag es, skurrile Figuren aus ironischer Distanz zu betrachten. (Bild: Nathan Beck/PD)

Philipp Tingler (45) mag es, skurrile Figuren aus ironischer Distanz zu betrachten. (Bild: Nathan Beck/PD)

Rolf App

Eigentlich hat der gebürtige Berliner und Wahlzürcher Philipp Tingler ja Ökonomie studiert. Doch da hatte er längst seine ungeplante Schriftstellerkarriere gestartet: Tingler schreibt Bücher, er bestreitet Kolumnen und Blogs, er gibt in Stilfragen Rat, woraus dann wieder Bücher werden.

Und er diskutiert seit letztem Herbst im «Literaturclub» des Schweizer Fernsehens. «Oh, ich geniesse das», sagt er, «vor allem wenn Elke Heidenreich dabei ist.» In der Tat sind die zwei ein ideales Debattenpaar: wortgewandt, scharfzüngig, witzig – und meistens diametral unterschiedlicher Ansicht. Hier kann er vor dem TV-Publikum mit jener Kraft gegen den Strom schwimmen, die sich der muskulöse Mann im Fitnesscenter antrainiert. Hier kann er elegant mit dem Wort-Florett fechten. Was er, in Form unterhaltsamer Geschichten mit starkem Hang zum Grotesken, in seinen literarischen Büchern tut. Und, einmal auch, im Essay «Wie frei sind wir noch?» in Form einer Streitschrift gegen den «Kindermädchenstaat» von heute, der das Leben des Einzelnen über soziale Normen einer rigiden moralischen Kontrolle unterwirft.

Philipp Tinglers Alter Ego

Ausgangspunkt seines neuen Romans «Schöne Seelen» ist Millvina Van ­Runkle, die grosse alte Dame der gehobenen Zürcher Gesellschaft. Leider geht es ihr hundeelend, sie wird nach Komplikationen im Gefolge des letzten Faceliftings sterben. Deutlich kommen ihre letzten Worte: «Wenigstens sterbe ich reich.»

Zurück mit Millvinas Geld bleiben Tochter Mildred und ihr Ehemann, der Hedge-Fund-Manager Viktor Hasenclever. Zurück bleibt auch Viktors Studienkollege, der Schriftsteller Oskar Canow. Er ist eine Art Faktotum der besseren Gesellschaft und Philipp Tinglers Alter Ego, das er schon in seinem letzten Roman «Doktor Phil» ins Zentrum gestellt hat. Zum Begräbnis reist alles an, was Rang und Namen hat. Und alles, was Rang und Namen haben möchte. Alle sind eitel, die Herren reich, die Damen geliftet, oft mehrfach. Die Fassade zählt. Wer die gerade angesagten Marken trägt, geniesst Ansehen.

Das ist anstrengend. Auch für Viktor und Oskar als distanzierte Beobachter des Ganzen. So ziehen sie sich denn nach der Beerdigung müde in die «Kronenhalle» zurück. Viktor erzählt, wie es seiner Ehe geht: schlecht. Dass Mildred ihn zum Therapeuten schicken will, er aber lieber heimlich mit seiner Theatertruppe probt. So soll denn Oskar an seiner Stelle in Therapie. Der präsentiert fortan bei Doktor Hockstädder zweimal die Woche ein fremdes Leben. Was lange, aber doch nicht ewig gut geht.

Denn Hockstädder ist ein zwar skurriler, aber auch scharfsinniger Knabe, die Therapiestunden in seiner schäbigen Praxis verlaufen zum Teil turbulent. Skurril sind fast alle Figuren in diesem Buch, am skurrilsten wird es, wenn sie gezielt aneinander vorbeireden.

Hochgroteske Szenen

Immer wieder entstehen so aus dem Zusammentreffen der Charaktere jene hochgrotesken, mit Tempo sich entfaltenden Szenen, an denen Philipp Tingler seine Freude hat. Da und dort arbeitet er kleine philosophische Betrachtungen ein, und manchmal übertreibt er es auch mit dem Gesellschaftsklatsch. Am Ende ersteht aus dem von Oskar angerichteten Schlamassel aber sogar ein Happy End – dank Doktor Hockstädder, der ganz überraschend in Las Vegas auftaucht und dem Spuk ein Ende setzt.

Philipp Tingler: Schöne Seelen. Kein & Aber, 2015, 333 Seiten, Fr. 29.90.

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