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ROMAN: Die tragische Geschichte des Wunderkinds William Sidis

William Sidis (1898–1944) referierte als Zehnjähriger vor Harvard-Professoren über Physik. Eine literarische Biografie konzentriert sich auf Schlüsselstellen seines Lebens.
Arno Renggli
Eines von wenigen Fotos mit William Sidis. Es zeigt ihn mit etwa zehn Jahren, als er die Fachwelt mit seinen Fähigkeiten verblüffte. (Bild: PD)

Eines von wenigen Fotos mit William Sidis. Es zeigt ihn mit etwa zehn Jahren, als er die Fachwelt mit seinen Fähigkeiten verblüffte. (Bild: PD)

Arno Renggli

arno.renggli@luzernerzeitung.ch

Eigentlich will er ein ganz normales Kind sein. Ein ganz normaler Jüngling. Ein ganz normaler Erwachsener. Doch das ist er nicht. Nicht in den Augen seines Umfeldes und seiner Umwelt.

William Sidis ist das, was man salopp als Wunderkind bezeichnet. Seine Eltern sind als verfolgte Juden aus der Ukraine geflohen. Schon mit 18 Monaten liest der kleine William Zeitungen, mit vier Jahren kann er Griechisch und Latein, als Achtjähriger hat er bereits vier Bücher geschrieben. Mit zehn Jahren verblüfft er Harvard-Professoren mit einem Vortrag über die vierte Dimension, worauf er als Student zugelassen wird. Als Erwachsener soll er rund 40 Sprachen beherrscht haben. Um eine von ihnen zu lernen, braucht er angeblich nicht mehr als einen Tag. Er schreibt wissenschaftliche Bücher über Geschichte, Kosmologie und Psychologie. 1944 stirbt er an einer Gehirnblutung.

Ein Kind, ein junger Mann, ein Mittvierziger

Der dänische Autor Morten Brask (46) hat William Sidis’ Leben zu einem packenden biografischen Roman verarbeitet. Er stützte sich auf Bücher, Artikel und Briefe von Sidis selber, auf damalige Zeitungsartikel und nicht zuletzt auf die 2011 erschienene Biografie «Prodigy», welche die US-Schriftstellerin Amy Wallace verfasst hatte. Explizit liess sich Brask viele erzählerische Freiheiten, zum einen in der Schilderung von Szenen und Dialogen, zum anderen aber auch in der Wahl der Schlüsselstellen, denen er besonderes Gewicht beimisst.

Es sind drei Handlungsstränge aus William Sidis’ Leben, die Brask abwechselnd und in leserfreundlich kurzen Kapiteln erzählt. Da ist erstens die Phase, in welcher Sidis mit zehn, elf Jahren das Erstaunen der akademischen Welt erregt. Zweitens wird vom Abschnitt berichtet, als Sidis seine grosse Liebe kennen lernt und wegen seines sozialistischen Engagements in Bedrängnis gerät. Drittens geht es um Sidis als 46-Jährigen, der unerkannt leben und normal jobben möchte. Alle drei Zeitebenen sind gleich interessant. Und tragisch.

Die Kindheit bildet die psychologische Basis für das Spätere. Sidis und sein Intellekt werden von den ehrgeizigen Eltern mit allen Mitteln gefördert. Wobei der Vater darauf aus ist zu beweisen, dass solches Potenzial in jedem Menschen steckt. Derweil die Mutter auf Prestige und Erfolge abzielt, dabei mit dem Erreichten nie zufrieden ist und dem kleinen William (sowie ihrem Gatten) das Leben zur Hölle macht.

Und William? Er will niemanden enttäuschen, doch glücklich macht ihn sein Genie nicht. Einer der Höhepunkte des Buches ist die Vorlesung, die der Zehnjährige vor versammelten Harvard-Professoren hält. Obwohl man als Laie die Details kaum versteht, ist die Szene atemberaubend.

Von den eigenen Eltern eingesperrt

Als junger Mann lernt William die charismatische Martha kennen und lieben. Er lässt sich von ihr für sozialistisches Gedankengut begeistern. Als er bei einer Demonstration, die durch Gegner und Polizisten in Gewalt ausartet, verhaftet wird, sehen seine Eltern dies als Grund, ihn wegzusperren. Eine traumatische Erfahrung.

Und schliesslich ist da Sidis im mittleren Alter, der anonym bei Wirtschaftsprüfern arbeitet, aber rechnerisch so talentiert ist, dass er immer wieder als das vormals berühmte Genie «enttarnt» wird. Und deswegen alle paar Wochen wieder einen neuen Job sucht. Denn noch immer will er kein Genie sein, sondern ein ganz normales Leben führen. Dies wird ihm verwehrt bleiben.

All dies erzählt Morten Brask mit grossem Einfühlungsvermögen, dabei aber ohne Pathos und mit starken sprachlichen Mitteln. Ein eindrückliches Buch.

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