ROMAN: Er ist mit dem Leben zufrieden – sie leider nicht

Silvio Blatter erzählt, wie ein Paar um die 50 wegen unterschiedlicher Ansprüche an das Leben auseinanderdriftet. Es ist vor allem der Mann, der damit Mühe bekundet.

Arno Renggli
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Der Aargauer Silvio Blatter (71) geht nahe an seine nicht mehr ganz jungen Figuren heran. (Bild: Petra Amrell/PD)

Der Aargauer Silvio Blatter (71) geht nahe an seine nicht mehr ganz jungen Figuren heran. (Bild: Petra Amrell/PD)

Arno Renggli

arno.renggli@luzernerzeitung.ch

«Ist es denn falsch, einfach mit seinem Leben zufrieden zu sein?» So fragt Jonas, gut 50-jährig. Denn er ist zufrieden. Erfolgreich hat er eine Bar aufgebaut, wo er gerne arbeitet, leidenschaftlich spielt er Seniorenfussball mit seinen Kumpels. Und vor allem liebt er seine Freundin Ellis, mit der er schon über 20 Jahre zusammen ist. Eigentlich hat er nur ein Problem: Ellis ist immer mehr unzufrieden mit ihrem Leben.

Dies äussert sich nicht nur in täglicher Missstimmung und schnippischen Antworten: Als Ellis von einer Freundin angefragt wird, als Ü50-Werbemodel zu arbeiten, packt sie die Gelegenheit beim Schopf. Sie taucht in eine neue aufregende Welt ein, in der Jonas und seine stagnierende Zufriedenheit keinen Platz haben. Es scheint für die beiden keine gemeinsame Zukunft zu geben.

Hobbyfussballer zwischen Ehrgeiz und Beschwerden

Anhand der Buchbeschreibung muss man sich etwas überwinden, Silvio Blatters neuen Roman zu lesen. 350 Seiten über ein Paar, das sich auseinanderlebt – das klingt nicht spektakulär. Ist es auch nicht. Aber dennoch ist die Handlung interessant, weil nahe an den Figuren und ihren Lebenssituationen, die man gerade als nicht mehr ganz junger Mensch gut nachvollziehen kann.

Viele kleinere Geschichten, auch mit Nebenfiguren im Zentrum, ergeben ein stimmiges Gesamtbild. Es gibt berührende Momente: So kann zum Ü50-Leben bereits auch gehören, dass einem gute Freunde wegsterben. Und es gibt viel Humor. Zu den witzigsten Stellen gehören diejenigen über das Seniorenfussballteam «Real 2», wenn die Diskrepanz zwischen Ehrgeiz und Körper immer grösser wird.

Starke Frauen – männliche Perspektive

Vermutlich ist es ein Buch eher für Männer, auch wenn die Frauenfiguren stark und selbstbewusst wirken. Doch sie bleiben holzschnittartig, auch Ellis, die man nur von aussen erlebt, was als erzählerisches Konzept legitim ist, zumal Jonas als Ich-Erzähler auftritt. So ist es fast immer eine männliche Sicht, die hier zum Ausdruck kommt, eher männliche Themen: Letztlich geht es um einen nicht ganz untypischen Mann, der am liebsten hätte, dass alles so bliebe, wie es ist. Und der Mühe hat, weil das nicht geht.

Es mag sein, dass der Roman gegen Ende etwas ausfranst, den grossen dramaturgischen Bogen und Sog darf man nicht erwarten. Das leistet auch der Handlungsstrang mit Jonas’ Vater nicht, der eine afrikanische Familie einschleust und bei sich zu Hause leben lässt. Trotz einer dramatischen Wendung gegen Schluss. Doch auch der Vater ist eine der tollen Figuren, deren Lebensgeschichten den Roman bereichern. Spannung generiert allenfalls die Frage, ob Jonas und Ellis doch wieder zueinanderfinden. Allerdings herrscht wenig Zuversicht.

Dieses Buch liest man gerne, nicht zuletzt aufgrund der sorgfältigen Sprache und des gedanklichen Reichtums. Kleinigkeiten fallen auf, etwa wenn ein Kumpel von Jonas mit ironischer Anspielung auf «Star Wars» sagt: «Die Macht ist auf unserer Seite. Die Macht der Gewohnheit.»

Bleibt die Liebe bestehen, wenn das Leben sich ändert? Diese Frage auf der Buchrückseite wird exemplarisch beantwortet. Aber hoffentlich nicht generell. Denn das sollte doch gerade das Wesen der Liebe sein: dass sie Veränderungen aushält.