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ROMAN: Friedrich Ani macht die Leser zum Komplizen des Rächers

In einem kleinen Ort verschwinden mehrere Männer. Alle von ihnen älter und angesehen. Aber sie teilen ein dunkles Geheimnis, das nur ein geheimnisvoller Fremder kennt. Krimipreisträger Friedrich Ani überzeugt erneut.
Axel Knönagel, dpa
Friedrich Ani (57) schrieb einen Krimi, der auf verschiedenen Ebenen herausfordernd ist. (Bild: Isabelle Grubert/PD)

Friedrich Ani (57) schrieb einen Krimi, der auf verschiedenen Ebenen herausfordernd ist. (Bild: Isabelle Grubert/PD)

Beschaulich geht es zu in Heiligsheim, einem abgelegenen Dorf in Süddeutschland. Blickt man jedoch hinter die Fassade, tun sich Abgründe auf. Die Dörfler sind sich einig, dass die Geheimnisse gewahrt bleiben, aber sie haben nicht mit einem Zugezogenen gerechnet.

Dabei ist Ludwig Dragomir gar nicht so ganz neu im Dorf. Drei Jahre lebt er allein in seinem Haus, als die Erzählung beginnt. Dragomir ist nicht nur die Hauptfigur, er ist auch der Erzähler. Nun ist der Moment gekommen, seinen Plan in die Tat umzusetzen.

Tatsächlich ist Dragomir kein Zugezogener. Er wurde im Dorf geboren und verbrachte die ersten 14 Jahre seines Lebens dort, bis er plötzlich verschwand. Dass er zurückgekommen ist und sich niemandem zu erkennen gibt, hat einen Grund. Er ist der Einzige, der weiss, was ihm und anderen Jungen im Wald beim Dorf angetan wurde. Nur er hat überlebt und die Rolle des Rächers übernommen.

Moralisch schwierig zu bewerten

Friedrich Ani schildert sehr eindringlich, welche Seelenqualen Dragomir durchlebt. Er ist kein strahlender Kämpfer für Gerechtigkeit, aber auch kein dumpfer Mörder. Immer wieder kehrt die Pein der Vergangenheit zurück, der er sich stellen muss. Er weiss, wie schwach er eigentlich ist und welche Stärke sein Ziel erfordert.

Geschickt bezieht Ani die Leser in die Notlage von Dragomir mit ein. Dessen Erinnerungen, Interpretationen und Logik bestimmen die Erzählung so sehr, dass es schwer ist, ihnen etwas entgegenzusetzen. Die Leser werden fast zu Komplizen des Rächers. So entschied Dragomir, seinen Plan in die Tat umzusetzen, so schwierig ist es aber, sein Verhalten moralisch zu bewerten.

Friedrich Ani ist einer der angesehensten deutschen Krimiautoren. Seine Romane um den Detektiv Tabor Süden machten ihn berühmt. Für den 2015 erschienenen Roman «Der namenlose Tag» wurde er mit dem renommierten Deutschen Krimipreis ausgezeichnet.

Mehr Psychodrama als Krimi

Kann es für einen Menschen wie Dragomir eine Erlösung geben? Der Gedanke an Rache bestimmt sein Leben, und die Toten seiner Jugend sind ständig bei ihm. Friedrich Ani hat eine Lösung für seinen Protagonisten gefunden, die ebenso überraschend wie künstlerisch gelungen ist.

Auch «Nackter Mann, der brennt» ist ein Kriminalroman mit Morden, Mördern und polizeilichen Ermittlungen. Aber das ist nicht der eigentliche Charakter des Romans. Friedrich Ani hat ein hoch spannendes, kaum einmal vorhersehbares und tief deprimierendes, zugleich auch faszinierendes Psychodrama geschrieben.

Bewertung: 5 von 5 Sternen

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