Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

ROMAN: Für Kinder nichts übrig

Jesmyn Ward scheut auch in ihrem zweiten Erfolgswerk nicht vor Brutalität und schwierigen Themen zurück. Mit ihrer Sprache überzeugt sie, mit der Perspektive weniger.
Bernadette Conrad
Bild: PD

Bild: PD

Allzu empfindlich darf man auch als Leserin von Jesmyn Wards neuem Roman nicht sein. Jojo, der 13-jährige Ich-Erzähler, schildert gleich auf den ersten Seiten, wie sein Grossvater ihn mitnimmt, um einen Ziegenbock zu schlachten. Dass die 40-jährige Autorin vor der Schilderung von Gewalt nicht zurückschreckt, hatte sie schon in ihrem Erstling «Vor dem Sturm» gezeigt: mit brutalen Hundekämpfen tragen Halbwüchsige dort ihre Konkurrenz aus, brutal lässt einer ein geschwängertes Mädchen zurück, brutal sind Einsamkeit und Armut der mutterlosen Kinder.

Empfindlich muss man trotzdem sein. Denn das Besondere an Jesmyn Wards Erzählen ist in der sensibel-poetischen Sprache verborgen, mit der die Autorin auch in ihrem neuen Roman in die tiefen Beziehungen ihrer Figuren hineinführt. Jojos Liebe gilt dem Grossvater, der ein Fels in der Brandung ist, aber selbst gefordert, als seine Frau an Krebs erkrankt und langsam stirbt. Und so wird Jojo selbst mehr und mehr zum Fels: für seine erst dreijährige Schwester Kayla. Beide sind bei den Grosseltern zu Hause, denn Mutter Leonie besteht nur aus Abhängigkeit: von Kindsvater Michael und von Drogen.

In der Beziehung von Leonie und Michael entfaltet Ward das Thema Rassismus: Leonie ist schwarz, Michael weiss. «Hab dir gesagt, du sollst nicht mit ’ner Niggerschlampe ins Bett steigen!», fährt Michaels Vater seinen Sohn an, als er mit Frau und Kindern vor der Tür steht. Zu diesem Zeitpunkt ist Michael aus drei Jahren Haft entlassen. Leonie bestand darauf, auf die zweitägige Autofahrt dorthin beide Kinder mitzunehmen. Als sie Michael abholt, gelten Liebe, Lust und Fürsorge nur einander – sogar während einer Polizeikontrolle, bei der der weisse Polizist auch Jojo Handschellen anlegt.

Jesmyn Ward führt auch in die geheimnisvollen Sphären des Jenseits: Sowohl Leonie als auch Jojo «sehen» Tote. Indem Ward die Geschichte von Jojo, Leonie und einem toten Jungen in Ich-Perspektive erzählen lässt, legt sie ihnen eine Reife in den Mund, die unglaubwürdig wirkt. Hier erscheint der National Book Award – den sie nun zum zweiten Mal erhalten hat – nicht gerechtfertigt.

Bernadette Conrad

Jesmyn Ward: Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt. Antje Kunstmann 2018, 304 S., Fr. 42.–

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.