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ROMAN: Graue Zone der Schuld

Was verbindet die Schwarzen mit den Juden? Nützt ein Museum des Krieges dem Frieden? Und wer hat die blutigen Hände geschüttelt? Claudio Magris entwirft in «Verfahren eingestellt» ein Kaleidoskop an Geschichten.
Christina Genova
Claudio Magris an der Universität St. Gallen im angeregten Gespräch mit Moderator Arnaldo Benini. (Bild: Michel Canonica)

Claudio Magris an der Universität St. Gallen im angeregten Gespräch mit Moderator Arnaldo Benini. (Bild: Michel Canonica)

Christina Genova

Diego de Henriquez sammelte sein Leben lang wie ein Besessener Waffen aller Art. Sie waren bestimmt für ein Museum des Krieges, das dem Frieden dient. Es war das paradoxe Unterfangen eines Menschen, der wohl vom Krieg ebenso fasziniert war wie vom Frieden. Der kauzige Triestiner, der 1974 beim Brand seines Lagers zwischen seinen Sammlungsstücken starb, war das reale Vorbild für den namenlosen Protagonisten in Claudio Magris’ neuem Roman «Verfahren eingestellt». Der italienische Autor war am Donnerstag an der Universität St. Gallen zu Gast. Der jugendlich wirkende 78-Jährige erzählte vor zahlreich erschienenem Publikum gut gelaunt und temperamentvoll über die Hintergründe seines Romans, der vor unbändiger Fabulierlust strotzt. Es ist ein Buch, in welchem es um all das Schreckliche geht, das Menschen anderen Menschen antun, wie wir uns daran erinnern, was wir verdrängen. Schuld und Sühne, Liebe und Einsamkeit, sind die Kernthemen. Der emeritierte Professor für Deutsche Literatur arbeitete ausserdem tatkräftig an der gelungenen deutschen Übersetzung von Ragni Maria Gschwend mit.

Geschichten wie aus Aladins Lampe

Die eigentliche Hauptfigur des Romans ist Luisa, die Kuratorin des zukünftigen Museums des Krieges für den Frieden. In ihr vereinen sich zwei Welten: Sie ist die Tochter einer Triestiner ­Shoah-Überlebenden und eines schwarzen amerikanischen Besatzungssoldaten: Deren Biografien, die verbunden sind mit Verfolgung, Sklaverei und Exil, bilden einen Haupterzählstrang: «Mich faszinierte die Ähnlichkeit der Geschichten von Antisemitismus und Sklaverei», sagt Magris. Luisa ordnet die ausufernde Sammlung. Es gibt U-Boote, Panzer, Raketen: «Die Ausrüstung des Todes ist oft lang, schlank, spitz.» Aber auch fleischfressende Pflanzen und «böse» Bücher wie «Mein Kampf» oder «Der Hexenhammer» gehören dazu, denn: «Die Feder tötet mehr als das Schwert.» Aus den Exponaten wuchern Geschichten, die auf wahren Begebenheiten beruhen: «Ich bin überzeugt, dass das ­Leben origineller ist als die ­Geschichten, die wir erfinden können», sagt der Autor. Die ­Objekte seien ein bisschen wie Aladins Lampe. So entweicht dem Sturmgewehr MP44 die ­Geschichte des Wehrmachtssoldaten Otto Schimek. War er der Held, der die Zivilbevölkerung verschonte, oder doch nur ein Fahnenflüchtiger, der den Krieg satt hatte? Das Kriegsbeil der Chamacocos-Indianer, vorgesehen für Saal Nr. 15, führt ins Prag Kafkas und weiter in die Wohnung des Anthropologen und ­Botanikers Alberto Vojtech Fric, der sich dort mit der schönsten Kakteensammlung Europas vor den Nazis verschanzt hat. Magris hat die Gabe, den Lesern immer wieder souverän aus dem Dickicht der mäandernden Geschichten herauszuführen, gerade wenn man sich endgültig darin verloren glaubt.

Mit Nägeln in die Wände geritzt

Das wahre «Herz der Finsternis» in Magris’ Roman ist die Risiera von San Sabba in Triest. In der ehemaligen Reismühle befand sich das einzige Konzentrationslager Italiens. Rund 16000 Menschen wurden dort ermordet, was lange totgeschwiegen wurde. Auch Deborah, Luisas Grossmutter, war eine von denen, «die zu dünnen Rauchschwaden geworden waren». Doch hat sie Schuld auf sich geladen, so wie viele andere im besetzten Triest am Ende des Zweiten Weltkriegs. Kurz vor ihrer Ermordung, so heisst es, hätten die Todgeweihten der ­Risiera die Namen von Denunzianten und Kollaborateuren mit den Nägeln in die Wände geritzt. Sie sind längst übertüncht worden. Dennoch begibt sich der manische Sammler auf die Suche: «Es sind die anderen Namen, die ich haben will; nicht die blutbeschmutzen Hände, sondern die, die diese Hände geschüttelt haben(…).» Er transkribiert die Botschaften der Gefangenen, denn seine Überzeugung ist: «Wer nicht unschuldig ist, ist schuldig, die Grauzone ist eine bequeme Erfindung.» Doch Luisa sucht in seinen Notizen vergeblich nach der Liste mit den Namen, die ­Tagebücher sind wohl im Feuer verbrannt. «Das Verfahren wird eingestellt», lautet folgerichtig sowohl der Schlusssatz als auch der Titel des Romans. Für die Delikte in der Risiera wurde nur eine Person in Abwesenheit verurteilt.

Das Kriegsmuseum für den Frieden («Museo della guerra per la pace») existiert wirklich. Es wurde vor drei Jahren in Triest, der Heimatstadt Claudio Magris’, eröffnet.

Claudio Magris: Verfahren eingestellt. Hanser, 400 S., Fr. 27.–.

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