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ROMAN: Harper Lee schockt USA

55 Jahre nach dem Weltbestseller «Wer die Nachtigall stört» gibt es wieder ­einen Roman der US-Autorin Harper Lee. Dieser wird viele Fans des Klassikers schockieren.
Der 1962 von Gregory Peck verkörperte Anwalt Atticus Finch galt als moralische Instanz. Bis jetzt. (Bild: PD)

Der 1962 von Gregory Peck verkörperte Anwalt Atticus Finch galt als moralische Instanz. Bis jetzt. (Bild: PD)

Christina Horsten, dpa

Atticus Finch ist so etwas wie das moralische Gewissen der USA. Der stets freundliche und weise Rechtsanwalt verteidigt in dem 1960 veröffentlichten Weltbestseller «Wer die Nachtigall stört» einen zu Unrecht der Vergewaltigung beschuldigten Afroamerikaner. Dabei erteilt er sowohl seinen Kindern Jem und Scout als auch einem ganzen Land eine Lektion in Toleranz, Nächstenliebe und Menschenrechten. Für unzählige US-Amerikaner galt die Romanfigur als eine Art perfekter Mann und Vorbild.

Zu gerne hätten sie mehr von ihm gelesen, doch Autorin Harper Lee, die für «Wer die Nachtigall stört» den Pulitzerpreis bekam, verweigerte sich jeder weiteren Veröffentlichung bis jetzt. Mit «Gehe hin, stelle einen Wächter» ist erstmals wieder ein Buch der 89-jährigen, gesundheitlich schwer angeschlagenen Schriftstellerin erschienen.

Finch als Rassist

Nach der englischen Originalfassung am Dienstag kommt die deutsche Fassung morgen in die Buchläden. Geschrieben hat Lee den Roman allerdings schon vor «Wer die Nachtigall stört»: Es ist eine Art erster Entwurf für den Weltbestseller. Das Manuskript galt jahrzehntelang als verschollen und ist vor kurzem wiederentdeckt worden.

Schon vor der Veröffentlichung galt der Roman als mit Spannung erwartete literarische Sensation. Beim ersten Lesen zeigten sich viele Kritiker und Fans allerdings geschockt: «Gehe hin, stelle einen Wächter» ist etwa 20 Jahre nach «Wer die Nachtigall stört» angesiedelt.

Scout ist eine junge Frau, die sich Jean Louise nennt und in New York lebt. Ihr Bruder Jem ist tot. Vater Atticus Finch und das dürfte für die meisten Fans wohl der grösste Schock sein – ist zum Rassisten geworden, der ein Treffen des Ku-Klux-Klans besucht und sich abfällig über Afroamerikaner äussert.

Sprache, Aufbau und immer wieder auch Witz des Buches lassen keinen Zweifel daran, dass Lee die Autorin ist. Wie schon «Wer die Nachtigall stört» ist auch «Gehe hin, stelle einen Wächter» flüssig und mitreissend geschrieben und wirkt auch mehr als ein halbes Jahrhundert später kein bisschen vergilbt.

«Verstörend»

Die völlig veränderte Konstellation der Hauptfiguren aber sorge für «aufwühlende», «verstörende» und «desorientierende» Lektüre, schrieb die «New York Times». Das Buch beginnt damit, dass Jean Louise mit dem Zug von New York nach Alabama reist, um Atticus und auch ihren Freund Henry Clinton zu besuchen. Aber die Begegnungen stimmen sie traurig, weil es ihrem Vater gesundheitlich schlecht geht und weil sowohl ihr Vater als auch ihr Freund sich für eine Trennung von Schwarzen und Weissen aussprechen, die Jean Louise entschieden ablehnt.

«Gehe hin, stelle einen Wächter» wirft viele Fragen auf. Wie konnte aus diesem Manuskript der Weltbestseller «Wer die Nachtigall stört» werden, der eine so ganz andere Botschaft in sich trägt? Das neue Buch werde Image und Vermächtnis des geliebten Klassikers «Wer die Nachtigall stört» und auch von Autorin Lee verändern, mutmasste die «Times». Doch müsse es aber erstmal genauer unter die Lupe genommen werden. «Ohne Zweifel wird es in den nächsten Jahren unzählige Schulaufsätze und wissenschaftliche Essays darüber geben.»

Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter. DVA, 320 Seiten, Fr. 31.90. Ab morgen im Handel.

Eine neue Ausgabe von «Wer die Nachtigall stört» ist soeben im Rowohl Verlag erschienen (464 Seiten, Fr. 29.90).

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