ROMAN: Innere Stimme löst Fall

Warum starb eine junge Frau vor 20 Jahren? Ein pensionierter Kommissar will Antworten. Friedrich Ani lässt seinen neuen Helden unkonventionelle Wege beschreiten.

Drucken
Teilen
Der deutsche Autor Friedrich Ani (56) hat seinen dritten Krimihelden erschaffen. (Bild: Tibor Bozi/Suhrkamp)

Der deutsche Autor Friedrich Ani (56) hat seinen dritten Krimihelden erschaffen. (Bild: Tibor Bozi/Suhrkamp)

Axel Knönagel, dpa

Mit einer ungewöhnlichen Bitte kommt ein Mann zu Jakob Franck. Der pensionierte Kriminalkommissar möge einen alten Fall noch einmal aufrollen. Vor 20 Jahren hatte Franck dem Besucher und seiner Frau die Nachricht überbracht, dass ihre 17-jährige Tochter Esther erhängt aufgefunden worden war.

Noch immer glaubt Ludwig Winther nicht an einen Selbstmord seiner Tochter. Er ist überzeugt, dass ein anderer für diesen Todesfall verantwortlich war, durch den auch sein eigenes Leben und das seiner Frau zerstört wurde.

«Gedankenfühligkeit»

Jakob Franck ist dankbar für diesen Auftrag, sucht er doch zwei Monate nach seiner Pensionierung nach einer sinnvollen Aufgabe. Im Grunde seines Herzens ist er Polizist geblieben und bewahrt Kopien alter Fallakten in seiner Wohnung auf. Ruhig und bedächtig macht er sich daran, die Ereignisse von vor 20 Jahren zu rekonstruieren.

Das ist nicht einfach. Franck trifft eine Tante des Mädchens, spricht mit Nachbarn und Schulkameraden und hat nie das Gefühl, der Wahrheit näherzukommen. Aber er gibt nicht auf, denn mit der Nacht von Esther Winthers Tod verbindet er persönliche Erinnerungen.

Nach so langer Zeit erinnern sich Francks Gesprächspartner nur noch vage, teilweise widersprechen sie einander auch. So greift er auf eine eigene Ermittlungsmethode zurück, die er «Gedankenfühligkeit» nennt. Er lässt alle Erkenntnisse und Eindrücke Revue passieren und hört auf seine innere Stimme.

Held der leisen Töne

Tatsächlich ist seine intuitive Vorgehensweise der klassischen Faktensammlung überlegen. «Am Tod der Schülerin vor einundzwanzig Jahren trugen mehrere Personen eine Mitschuld», erkennt Franck. Aber einer hatte Esther Winther im alles entscheidenden Moment im Stich gelassen. Aus dieser Erkenntnis heraus gelingt es Franck, die richtigen Gesprächspartner zu finden und ihnen die richtigen Fragen zu stellen. So werden schliesslich auch die tragischen Zusammenhänge deutlich, die zum Tod des Mädchens führten.

Friedrich Ani, Träger des Deutschen Krimipreises, hat in der Figur des Jakob Franck eine ungewöhnliche Figur geschaffen. Der sensible, grüblerische Ermittler ist ein Mann der leisen Töne, dessen Eigenarten dem Roman seinen eigenen Reiz verleihen. Ebenso wie die Ermittler Tabor Süden und Polonius Fischer, um die Friedrich Ani zahlreiche Romane schrieb, hat auch Jakob Franck das Zeug zur erfolgreichen Serienfigur.

Friedrich Ani: Der namenlose Tag. Suhrkamp, 301 Seiten, Fr. 28.90.