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ROMAN: Junges Leben im Krieg

Kann man über das Kriegsende noch etwas Neues erzählen? Ralf Rothmann gelingt es grossartig, die individuelle Not von Heranwachsenden erfahrbar zu machen.
Ralf Rothmann zeigt den Krieg in detailliertem Realismus, aber auch in seiner Surrealität. (Bild: Franka Bruns/Suhrkamp)

Ralf Rothmann zeigt den Krieg in detailliertem Realismus, aber auch in seiner Surrealität. (Bild: Franka Bruns/Suhrkamp)

Johannes von der Gathen, dpa

Frühling 1945: Die Freunde Walter und Fiete sind zur Lehre nach Norddeutschland gekommen, arbeiten als Melker auf einem Bauernhof, während um sie herum das Nazireich langsam untergeht. Die dröhnenden Durchhalteparolen können die 17-jährigen Jungs längst nicht mehr hören.

Walter hat sich in Elisabeth verliebt, Fiete bandelt mit Ortrud an. Aber dann werden die vorlauten Halbstarken doch noch eingezogen und in einen wahnwitzigen Krieg verwickelt, in dem es nur noch ums Überleben geht.

Entmenschlichung durch Krieg

Ralf Rothmann, geboren 1953 in Schleswig, erzählt in seinem bewegenden Roman von den Hoffnungen und Nöten der Generation, die am Ende des Krieges gerade erwachsen wurde und die oft längst immun gegen das Gift der Propaganda war. Dabei legt der Autor keinen gross orchestrierten historischen Wälzer vor, sondern erzählt eindringlich und gewohnt knapp vom Wahnsinn und der Entmenschlichung, die Krieg und die Nazi-Ideologie auslösten. Und auch die schier unüberbrückbare Kluft zwischen den Generationen ist ein Thema.

Der gewissenhafte Walter hat Glück. Weil er einen Führerschein hat, wird er in einer Versorgungseinheit eingesetzt. Der aufmüpfige, spöttische Fiete muss an die Front ins besetzte Ungarn, fast ein Todesurteil. Als er trotz der Warnungen des Freundes desertiert und gefasst wird, versucht Walter unter Lebens­gefahr, die Erschiessung zu verhindern.

Wieder einmal erweist sich Rothmann («Milch und Kohle», «Rehe am Meer») als Meister der Kunst, die spezielle Befindlichkeit von Heranwachsenden zu schildern. Ein wenig übermütig sind sie, natürlich haben sie auch Angst, aber eigentlich interessiert Walter und Fiete am meisten, wie es mit ihren Liebeleien weitergeht. Die ignorante Elterngeneration scheint auf einem anderen Planeten zu leben. Und dann erfahren beide die Brutalität des Krieges.

Schonungslos und unparteiisch erzählt Rothmann von der Verrohung. Da werden die Gräueltaten der deutschen Besatzer an der Zivilbevölkerung ebenso wenig ausgespart wie der Horror der alliierten Luftangriffe.

Das Rätselhafte hinter der Realität

Rothmanns Stil ist minutiös, alle Details stimmen. Aber man sollte ihn nicht als Realisten missverstehen. Unter dem dünnen Firnis der meisterhaft erzählten Welt bricht immer wieder Rätselhaftes hindurch, «ein seltsam unscharfes Bild», wie es einmal heisst. Da sitzt ein Falke regungslos im zerstörten Glockenturm einer Dorfkirche, und einmal scheint ein Rottweiler über Wasser zu laufen.

Für die Surrealität eines Luftangriffs an einem strahlenden Frühlingsmorgen findet dieser Autor die richtigen Worte. So sind seine poetischen Naturbeschwörungen kein Selbstzweck, sondern steigern als Kontrast die Unfassbarkeit des barbarischen Kriegsgeschehens.

Eingebettet ist diese packende, deutsche Endzeit-Geschichte in eine Rahmenhandlung, die kurz das weitere Leben von Walter skizziert. Die Traumata wurden verdrängt, nie vergessen. Komplett dekonstruiert dieser Roman den Mythos von der angeblichen «Stunde null» und sagt damit auch viel über die Nachkriegszeit in Deutschland aus.

Ralf Rothmann: Im Frühling sterben. Suhrkamp, 234 Seiten, Fr. 28.50.

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