ROMAN: Kneipe und Kunst

«Wiener Strasse» ist das neueste Werk von Kultautor Sven Regener – mit den vertrauten Protagonisten. Die trinken und schimpfen wie immer viel. Was Freude macht, einen aber nicht immer packen kann.

Susanne Holz
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So gelassen, wie man ihn sich vorstellt: Sven Regener, Autor und Musiker. (Bild: Charlotte Goltermann (18. Mai 2017))

So gelassen, wie man ihn sich vorstellt: Sven Regener, Autor und Musiker. (Bild: Charlotte Goltermann (18. Mai 2017))

Susanne Holz

Das Beste daran, einen Roman von Sven Regener zu lesen, ist vermutlich die Lässigkeit, die sich fröhlich in einem breit macht, kommt man in den Genuss der Gesellschaft von Frank Lehmann und Co – dieser liebenswerten Berliner Chaos-Clique. Kein Blatt wird hier vor den Mund genommen, kein derbes Wort gescheut, kein Fehltritt bereut, und keine unnötige Distanz wird eingenommen, wenn Regeners Protagonisten (sie sind einem aus unterdessen vier Romanen vertraut) zusammen in der Kneipe sitzen und womöglich dem Leben, aber keinesfalls einander ausweichen.

Hat man einige Seiten zusammen mit diesen «Pfeifen» und «Blödmännern» verbracht, geht es einem prima, man muss nur aufpassen, nicht plötzlich im realen Leben jeder zweiten Person den Mittelfinger zu zeigen, so entspannt ist man mit einem Mal.

Herr Lehmann geht putzen, Herr Kächele sagt «Kerle»

«Wiener Strasse», Sven Regeners neuer Roman, macht aus der Trilogie um Frank Lehmann (Herr Lehmann, 2001; Neue Vahr Süd, 2004; Der kleine Bruder, 2008) eine Tetralogie. Wobei sich der neueste Band chronologisch an den «kleinen Bruder» anschliesst, der ja Frank Lehmanns erste Tage im Berlin von 1980 schildert. Nun befindet man sich erneut im 1980er-West-Berlin, in dem dieses Mal viele Künstler und Hausbesetzer-Künstler (und diese kommen auch noch aus Österreich) ihr Unwesen treiben.

Wie 1989 – im Erstling «Herr Lehmann» – verdient Frank Lehmann aus Bremen auch in «Wiener Strasse» sein Geld im Café Einfall. Dieses Mal jedoch noch nicht hinter der Theke, sondern davor und drumherum – als Putzkraft. Diesen Job erledigt er gewissenhaft und ganz zur Zufriedenheit von Chef und Kneipier Erwin Kächele aus Württemberg, der sich ansonsten viel und ständig über die restlichen von ihm lohnabhängigen «Pfeifen» aufregt, die er – jeden einzeln – am liebsten mit «Kerle» anspricht.

Hier mischt sich Schwäbisch mit Berlinerisch. Und auch sonst mischt sich in «Wiener Strasse» sehr vieles. Wer auf einen Protagonisten hofft, dem man folgen könnte, so wie in «Herr Lehmann» eben demselben, bei all seinen Begegnungen (Hund) und all seinen gewitzten Gesprächen (Mutter), der hofft umsonst. Frank Lehmann ist dieses Mal Nebensache, schon eher bekommt man es mit Erwin Kächele und dessen renitenter Nichte Chrissie nebst Mutter Kerstin zu tun. Aber auch mit den aufstrebenden Künstlern Karl Schmidt und H. R. Ledigt. Letzterer kauft sich zunächst einmal im Baumarkt Grabgabel und Kettensä-ge – zumindest das eine davon wird später seinen künstlerischen Ambitionen nützlich sein. «Wer hat, der hat, sa ick ma», lobt ihn der freundliche Baumarktangestellte für diesen Kauf.

Nebst den vertrauten Personen aus dem Café Einfall sind es die österreichischen Aktionskünstler und «Hausbesetzer» um Oberhaupt P. Immel, mit denen der Leser das Vergnügen hat. Und die können manchmal auch nerven. Nicht nur, weil sie P. Immel oder Kacki heissen und Teil der ArschArt-Galerie sind, sondern auch, weil sie leicht bemüht und vergleichsweise langweilig daherkommen. Potenzial als schillernde Filmfiguren hätten sie allerdings – vielleicht hatte Regener beim Schreiben ja schon eine Verfilmung vor Augen.

Der befreiende Humor

Thema des Buchs, so weit es das bei Regener überhaupt geben darf: Kunst und Kneipe, Kneipe und Kunst. Selbst findet man den Roman in seinen Beschreibungen und Dialogen nicht ganz so brillant wie etwa den Erstling. Andere sind da anderer Meinung. Im «Tages Anzeiger» findet Jean-Martin Büttner den Roman «lustiger als frühere». Worauf Regener mit dem schönen Satz zitiert wird: «Je mehr die Leute lachen, desto kälter ist das Buch.» Freud definiere Humor als «Lustgewinn durch ersparten Gefühlsaufwand». Regener: «Je mehr Komödie, desto weniger Liebe.»

Auch in der «Frankfurter Allgemeinen» sind Sven Regener und seine «Wiener Strasse» dieser Tage ein Thema, auch hier wird Freud zitiert. Regener zur FAZ: «Humor ist auch eine Technik der befreienden Distanz.» Klar ist: Sven Regner ist als Autor und Leader der Band Element of Crime Kult – und sorgt bei seinen Fans nach wie vor für viele gute und distanzlose Gefühle.

«Wiener Strasse» ist ab heute im Handel. Am 29. November, 20 Uhr, liest Sven Regener im Kosmos Zürich.