ROMAN: Krasser als jedes Selfie

Karl Ove Knausgårds Zyklus über sein privates Scheitern ist Literatur in Zeitlupe. Wie sehr sich an ihr die Geister scheiden, erfährt man nun im letzten Band «Kämpfen».

Stefan von Bergen
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Banale Selbstdarstellung? Karl Ove Knausgård polarisiert. (Bild: André Loyning/Randomhouse)

Banale Selbstdarstellung? Karl Ove Knausgård polarisiert. (Bild: André Loyning/Randomhouse)

Stefan von Bergen

kultur@luzernerzeitung.ch

Zugegeben: Ich bin ein Fan. Ich habe alle Bände des autobiografischen Monster-Zyklus von Karl Ove Knausgård gelesen. Auch den 1200-Seiten-Wälzer «Kämpfen», der nun als sechster und letzter Band auf Deutsch erscheint. Warum? Weil der 49-jährige Norweger darin unnachahmlich beschreibt, wie die Zeit vergeht und sich das Leben abspielt.

Band sechs beginnt banal. Der Autor fährt zu einem Freund, sie quatschen über Unwichtiges. Auf einmal ufert das Gespräch aus in eine Kunstdebatte über die Darstellbarkeit der Welt. Bei der Heimkehr übermannt den Autor das kleine Glück, eine Autofahrt lang allein und frei zu sein. Als er das Stammschloss von Hamlet passiert, stellt er sich die Reihe der Generationen von Hamlet aus dem 17. Jahrhundert bis zu seinen drei Kindern vor.

Die Langeweile als unsere Grunderfahrung

Die schönen Gedanken verfliegen, er kommt nach Hause. Über Hunderte von Seiten verfolgen wir seinen alltäglichen Kampf gegen das «Korallenriff des Chaos» in einem Familienhaushalt. Langweilig? Ja klar! Aber er beschreibt Wiederholung und Langweile als eine unserer Grunderfahrungen. Er schreibt, wie er in der Rauchpause auf seinem Balkon schnell über das Gelingen seines Romans und seines Lebens nachdenkt, bevor er seinem Sohn die Windeln wechselt.

Dieser Mix von Grossem und Kleinem, all die angefangenen Dinge, für die die Zeit nie richtig reicht, lassen einen denken: endlich ein Buch, das mit mir und meinem Leben zu tun hat. An Knausgårds Zeitlupen-Literatur scheiden sich die Geister. Die NZZ etwa fällte das bildungsbürgerliche Todesurteil, Knausgårds Romanprojekt sei keine richtige Literatur, sondern platte Selbstentblössung: «Selfie-Literatur». Doch diese Literatur wird weltweit übersetzt und publiziert.

Knausgård macht sein intimes Leben öffentlich, mit eitler Selbstinszenierung hat das aber wenig zu tun. Er beschreibt «unser kleines, stilles Leben», das beginnt, wenn wir abends die Wohnungstür hinter uns schliessen. Seine Welt liegt am andern Ende der Hochleistungsreservate von Firmenchefs und Ueli-Steck-Ausnahmefiguren. Gerade in der Tiefebene der Normalität wirft er hochfliegende Fragen auf: Müsste mein Leben nicht aussergewöhnlicher sein? Warum fühle ich mich unterlegen und versuche das durch Leistung zu kompensieren? Wieso bin ich als Partner und Vater innerlich abwesend, wenn Frau und Kinder verzweifelt sind? Schonungslos bildet der Norweger uns Männer in einer bisweilen komischen Unbeholfenheit und Selbstsuche ab. Ebenso präzis und unerbittlich schildert er Frauen.

Der Schlussband «Kämpfen» ist wieder dieses dichte Geflecht aus Alltagsbeschreibung und Exkursen, das schon die ersten zwei Bände auszeichnet: «Sterben» über den Tod des tyrannischen und alkoholkranken Vaters und «Lieben» über die Begegnung mit seiner Frau und die Familiengründung. «Spielen» über die Kindheit, «Leben» über ein Jahr als junger Lehrer ohne Sex am Polarkreis und «Träumen» über seine erfolglosen Startversuche als Autor sind chronologischer erzählt. Spektakulär ist der letzte Band, weil man darin erfährt, wie die früheren Romane «in der Wirklichkeit aufprallen». Knausgård schildert, wie er Romanpassagen den realen, darin vorkommenden Personen zu lesen gibt. Nicht alle sind erfreut. Ein Onkel etwa bestreitet die Richtigkeit des Geschilderten und bekämpft dessen Erscheinen vor Gericht.

Ganze Passagen verfremdet

Man staunt, dass der Autor erst jetzt realisiert: Die Deutung der Realität bleibt immer umstritten. Man erfährt, dass Knausgård Namen und ganze Passagen verfremdet hat. Nach dem Einspruch beschriebener Personen. Und nach einem Shitstrom in Norwegens Presse, die mit Hilfe erzürnter «Opfer» belegen wollte, was alles nicht stimmt. Auch Knausgårds Ehefrau Linda bekommt Romanpassagen zu lesen. Es wird die härteste Probe, auch für uns Leser. Sind es nicht auch Knausgårds penible Schilderungen, die Linda, die an einer bipolaren Störung leidet, in die Krise treiben? .

Auch als Fan fragt man sich: Geht die Wahrheitsmethode nicht zu weit? Das Romanprojekt ist radikal und masslos, vor allem auch «Kämpfen», in dessen Mitte ein 500-seitiger Essay über den Faschismus und Adolf Hitler eingefügt ist. Im norwegischen Original hat Knausgård den ganzen Romanzyklus provokativ «Min Kamp» betitelt. Kühn erprobt er im Essay einen verständnisvollen Blick auf den jungen Hitler, der in einem starren Ich gefangen sei. «Min Kamp» soll ein humanes Gegenstück zu Hitlers unmenschlichem «Mein Kampf» sein. Ein Versuch, ohne heroische Überhöhung zu sich selber und den anderen vorzustossen. Indem man sich seiner Banalität stellt.

Hinweis

Karl Ove Knausgård: Kämpfen. Luchterhand, 1267 S., ca. Fr. 40.–.