ROMAN: Menschen verlieren einander

Ein bekannter Dramatiker wechselt sein Revier. Roland Schimmelpfennig (48) schreibt seinen ersten Roman und landet auf der Shortlist des Leipziger Buchpreises.

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Roland Schimmelpfennig: In seinem Roman verbindet ein Wolf menschliche Geschichten. (Bild: PD)

Roland Schimmelpfennig: In seinem Roman verbindet ein Wolf menschliche Geschichten. (Bild: PD)

Sebastian Fischer, dpa

Der Wolf ist ein scheuer Jäger. Oft nimmt man seine Gegenwart erst wahr, wenn er wieder fort ist: an den Spuren im Schnee, an einem gerissenen Schaf. Die Legende des Canis lupus speist sich meist aus dem «Kurz-Danach» seines Wirkens.

Vieles erst in Konsequenz sichtbar

Und so ist es auch in Roland Schimmelpfennigs Romandebüt, das in der Auswahl um den Belletristikpreis der Leipziger Buchmesse (ab 17. März) steht. Dass der renommierte Dramatiker in «An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts» den Wolf zum schemenhaften Fixpunkt seiner Handlung macht, ist das eine. Vielmehr gilt auch für sein Erzählen dieses «Kurz-Danach»: Vieles führt der Autor nicht aus, Ungesagtes wird erst in seinen Konsequenzen sichtbar. Der Mythos des Wolfs ist die Schablone für Schimmelpfennigs Stil selbst.

Der 48-jährige Berliner hat sich als einer der bedeutendsten und meistgespielten Bühnenautoren der Gegenwart einen Namen gemacht. 2010 wurde er zum Dramatiker des Jahres gewählt. Auch mit dem nun erschienenen Prosatext verabschiedet sich Schimmelpfennig nicht vollständig vom Theater. Manch Kapitel besteht allein aus Dialogen. Die Figuren werden weniger beschrieben, als dass sie durch ihr Handeln Kontur gewinnen.

Der Wolf verbindet Geschichten

Da ist etwa Tomasz, der zu Beginn des Romans den Wolf rund 80 Kilometer vor Berlin sichtet. Der Pole, der auf dem Bau sein Geld verdient, schiesst ein Foto. Seine Freundin, die sich im Laufe der Geschichte beständig von ihm entfernt, verkauft es an die Presse. So tritt das Tier in die Leben aller Protagonisten, bei jedem auf seine Weise.

In Brandenburg reissen zwei Jugendliche von zu Hause aus, schlagen sich durch den verschneiten Wald. Ein Alkoholiker lässt den Entzug hinter sich und sucht seinen Sohn. Eine junge Journalistin will mit einer Story über den Wolf den Scoop des Jahres recherchieren. Und ein Späti-Betreiber – ein Laden mit Spätverkauf – macht sich auf die Jagd nach dem Raubtier, erst mit der Kamera, dann mit der Waffe.

Flucht an Ort

Schnell wird klar: In allen Figurenkonstellationen geht es um Suche und Flucht. Die Protagonisten, die immer als Paare ihren Ausgang nehmen, verlieren sich und werden auseinandergerissen: erst gegenseitig, dann auch in sich selbst. Die Juroren des Leipziger Buchpreises loben die Formstrenge des Romans. Er sei «ein Reigen aktueller Schicksale».

Aber er ist noch viel mehr. Schimmelpfennig spielt mit Literatur, ohne sie gelehrt und manieristisch zur Schau zu stellen: etwa wenn er, wie bis zum Aufkommen des Buchdrucks geläufig, die ersten Worte seines Textes zugleich zum Titel macht oder wenn er – angelehnt an den lateinischen Ursprung von «textus» (Gewebe, Geflecht) – das, was kilometerweit voneinander entfernt startet, im Laufe der Handlung immer enger zusammenknüpft.

Meister der Lücke

Schimmelpfennigs Charaktere leben anscheinend nur nebenher. Unter den pastellfarbenen Hausfassaden am Helmholtzplatz etwa unterhalten sie sich: «Wenn du wegkönntest, wärst du doch auch weg.» – «Wer sagt denn, dass ich da bin?» Schimmelpfennig erzählt fast naturalistisch. Er ist ein Meister der Lücke und des Minimalismus. Gegenwärtiger kann ein Autor kaum sein.

Roland Schimmelpfennig: An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts. S. Fischer Verlag, 256 Seiten, Fr. 28.90.