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ROMAN: Rammstedt muss liefern

Tilman Rammstedt spielt raffiniert mit Formen und Genres. Die Entstehung des neues Buches konnte man Tag für Tag mittels Online-Abonnement mitverfolgen.
Hansruedi Kugler
Tilman Rammstedt setzte sich selber unter Zeitdruck und schrieb jeden Abend ein Kapitel. (Bild: PD)

Tilman Rammstedt setzte sich selber unter Zeitdruck und schrieb jeden Abend ein Kapitel. (Bild: PD)

Hansruedi Kugler

Die Zeit drängt. Am Schluss kommt es auf eine einzelne Sekunde an. Das gilt für den Erzähler im Roman wie für den Autor selbst. Um seine Schreibblockaden zu überlisten, hat sich der deutsche Autor Tilman Rammstedt (41) eine eiserne Regel gegeben: jeden Abend ein Kapitel online zu veröffentlichen.

Das fertige Buch liegt nun vor. Darin spielt die Zeit eine dramatische und philosophische Rolle: Bloss ein Tag bleibt dem Ich-Erzähler in «Morgen mehr», um seine Eltern zusammenzubringen. Einfach wirds nicht: Die künftige Mutter liegt in Marseille mit dem Falschen im Bett. Der künftige Vater wird gleich mit einbetonierten Füssen in den Main gestossen. Bis zum Showdown desselben Tages kurz vor Mitternacht auf dem Eiffelturm hetzt der Leser mit drei schwermütigen Ganoven und dem liebeskranken künftigen Vater im Stil eines wilden Roadmovies nach Paris und seiner Ex-Verlobten hinterher.

Ein altkluger Junge protokolliert auf dem Rücksitz eifrig mit. Gleichzeitig arbeitet die künftige Mutter eine ellenlange, skurrile To-do-Liste ihrer toten Schwester ab, um sich von ihr zu befreien. In Paris will sie im Internationalen Büro für Mass und Gewicht die Zeit aufhalten. Dass ihr das auch tatsächlich gelingt, ist eine der vielen verrückten Pointen des Romans, der 1972 spielt.

Spielerei ohne Bodenhaftung?

Es ist fast unmöglich, Tilman Rammstedts Romane nicht zu mögen. Der Mann schreibt seit über zehn Jahren einfallsreiche, skurrile und lakonische Geschichten – seine Figuren erfinden mal eben in der Not China neu oder flehen als fingierte Bankräuber den US-Star Bruce Willis mit unzähligen E-Mails an, er möge sie aus der Misere retten.

In seinem neuen Roman steigert sich Rammstedts unbekümmertes Fabulieren zum reinen Kunstvergnügen. Ein paar wenige, dafür besonders strenge Literaturrichter verurteilen gelegentlich zwar seine hektische Schreibe als ödes Geklimper eines Hochbegabten. Dafür gibt es durchaus Gründe: Kritisiert wird etwa, seine schablonenhaften Figuren würden in der überbordenden postmodernen Spielerei mit Erzählformen und Genre–Zitaten die Bodenhaftung verlieren. Witzig zwar, rasant und unterhaltsam, aber letztlich bedeutungslos, so das Fazit.

Melancholische Comic-Figuren

Bedeutungsvoller Realismus war aber noch gar nie Tilman Rammstedts Ziel. Seine Figuren sind eher melancholische Comic-Figuren, die einem aber sehr schnell ans Herz wachsen. Nicht zuletzt, weil der Autor sie in aberwitzige Abenteuer stürzt, aus denen sie wundersam und gegen jede Logik auferstehen: Literatur darf das, wenn sie es mit so viel Charme und überbordender Kunstfertigkeit tut. Zudem spielt Rammstedt leicht­händig mit allen denkbaren Formen: Seine Figuren wanken wie die verlorenen Seelen der Nouvelle Vague durch Paris, er interviewt einen Hammer, mit dem die Zeit angehalten werden soll, verhört die Sehnsucht wie eine Person, führt Listen mit skurrilen Vorsätzen. Rammstedt schreibt wie ein äusserst charmanter Zwillingsbruder des Filmregisseurs Quentin Tarantino.

Die Zeit drängte auch für den Autor Rammstedt. Über drei Monate hinweg schrieb er täglich ein Kurzkapitel, das er am gleichen Abend im Internet veröffentlichte. «Ich bin jeden Morgen aufgestanden und hatte keine Ahnung, was an diesem Tag geschrieben werden sollte», sagte Rammstedt kürzlich im ZDF. Seine Schreibblockaden sind berüchtigt. Die Idee zum Schreibexperiment hatte der Autor darum selbst. Denn schreiben, das könne er nur unter grossem Druck.

Bewertung: 4 von 5 Sternen

Tilmann Rammstedt: Morgen mehr. Hanser, 224 Seiten, ca. Fr. 28.--.

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