ROMAN: Richard Flanagans Stripperin gerät unter Terrorverdacht

Was tun, wenn man eines Morgens aufwacht und als Terroristin gesucht wird? In Richard Flanagans Buch wird genau dieser Albtraum für die Protagonistin wahr.

Eva Krafczyk, Dpakultur@luzernerzeitung.ch
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Der Australier Richard Flanagan (55) zeigt die soziale und mediale Überreaktion, die durch Terrorängste ausgelöst werden kann. (Bild: PD)

Der Australier Richard Flanagan (55) zeigt die soziale und mediale Überreaktion, die durch Terrorängste ausgelöst werden kann. (Bild: PD)

Gina Davies, meist nur die «Puppe» genannt, entspricht nicht gerade der üblichen Gruppe von Terrorverdächtigen in einer Zeit islamistischer Anschläge. Die 26-Jährige verdient sich ihren Lebensunterhalt als Stripperin, träumt von einer schicken Eigentumswohnung, die den sozialen Aufstieg aus einem tristen Vorstadtviertel Sydneys ebenso symbolisieren soll wie ihre Designerkleidung und -handtaschen.

Doch nach einem One-Night-Stand mit der Zufallsbekanntschaft Tariq muss Gina zu ihrem Entsetzen erkennen, dass ein halbes Dutzend Sicherheitsdienste nach ihr fahndet. Das ist die Ausgangsbasis von Richard Flanagans Roman «Die unbekannte Terroristin», der zehn Jahre nach seiner Erstveröffentlichung nun auch in deutscher Sprache erschienen ist. An Aktualität hat das Buch des Australiers nichts eingebüsst, im Gegenteil: In der seit den Anschlägen vom 11. September in ihrem Sicherheitsempfinden erschütterten Gesellschaft, die mehr Sicherheit fordert und nach Sündenböcken sucht, ist Flanagans Roman absolut auf der Höhe der Zeit.

Erinnerungen an den Klassiker von Heinrich Böll

Zugleich dürften bei deutschsprachigen Lesern Erinnerungen an Heinrich Bölls «Die verlorene Ehre der Katharina Blum» wach werden. Denn wie in jene Titel­figur gerät auch Gina Davies ins Ziel der Rasterfahnder – mit dem Unterschied, dass in einer Welt der medialen Dauerpräsenz und sozialer Medien die Jagd auf die «Puppe» schnell an Tempo gewinnt und die Frau, die durch eine Zufallsbegegnung plötzlich als die «schwarze Witwe» oder «Tänzerin des Todes» zum öffentlichen Feind Nummer eins wird, schnell in eine ausweglose Situation gerät. Der Leser ahnt früh: Diese Geschichte wird tragisch enden.

Das Sydney, das Flanagan beschreibt, hat wenig mit der Traumstadt gemein, die Touristen aus aller Welt anzieht. Gina Davies irrt durch eine Welt von Strippern und Junkies, billigen Absteigen und der tristen Viertel einer Vergangenheit, die sie hinter sich glaubt. Sie ist nicht nur auf der Flucht vor den Fahndern, sondern auch vor einer lieblosen Vergangenheit: «Wie konnte es sein, dass man als Mörderin jemand war in dieser Welt, das Leben als Puppe hingegen ein einziges Sterben war? Dass sie aus dieser Welt ausgeschlossen gewesen war und sich deswegen eine neue hatte konstruieren müssen? Dass man keine andere Wahl hat, wenn die Liebe nicht genug ist?»

Beim Lesen läuft vor dem inneren Auge ein Film noir ab, musikalisch untermalt von der Chopin-«Nocturne», die sich als Leitmotiv durch den Roman zieht. Und wie im klassischen Film noir gibt es ausser der schönen Frau in Bedrängnis auch den kaputten Mann, der sie zu retten versucht: den verheirateten Drogenfahnder Nick. Der Ex-Lover von Ginas bester Freundin versucht als Einziger, die unaufhaltsame Tragödie zu verhindern. Er scheitert – an seinen Vorgesetzten, an der von einem skrupellosen Journalisten geschürten Hysterie, an einer Politik, die Feinde braucht, um Sicherheitspolitik durchzusetzen.

Ihre Unschuld interessiert niemanden

Schon lange vor dem Showdown hat die «Puppe» ihr Leben verloren – ihre Vergangenheit, ihre Privatsphäre, alles ist ihr genommen, wird als Zerrbild einer sensationslüsternen Öffentlichkeit präsentiert, die nun glaubt, alles über sie zu wissen, sich ein Urteil anmasst.

Während Gina als meistgesuchte Frau des Landes in den Medien dauerpräsent ist, ist sie zugleich die wohl einsamste Frau Australiens, unfähig, ihre Unschuld zu beweisen – eine Unschuld, die zu diesem Zeitpunkt niemanden mehr interessiert.

Richard Flanagan hat ein fesselndes, wichtiges Buch geschrieben. Nicht nur Sicherheitsdebatten der Gegenwart lassen das Gefühl zurück: Diese Fiktion kann nur allzu leicht von der Wirklichkeit eingeholt werden.

Eva Krafczyk, dpa
kultur@luzernerzeitung.ch