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ROMAN: Richard Ford – Die Eltern vor meiner Zeit

Der amerikanische Autor Richard Ford hat wieder einen grossartigen Roman geschrieben. In «Zwischen ihnen» denkt er über die eigenen Eltern nach.
Bernadette Conrad
Pulitzer-Preisträger Richard Ford präsentiert mit seinem neuen Roman ein unverstellt persönliches Buch. (Bild: Peter-Andreas Hassiepen)

Pulitzer-Preisträger Richard Ford präsentiert mit seinem neuen Roman ein unverstellt persönliches Buch. (Bild: Peter-Andreas Hassiepen)

Bernadette Conrad

So nah, so unverstellt direkt hat Richard Ford noch nie über sich geschrieben. Zwar ist «Zwischen ihnen» keine Autobiografie. Es ist auch allenfalls in Ansätzen ein Rückblick auf die eigene Kindheit. In Richard Fords Porträt ­seiner Eltern und seinem Nachdenken über ihre Ehe geht er ­leidenschaftlich den beiden ­Menschen nach, die sie vor ihm selbst und ohne ihn waren.

Eigentlich weiss die lang­jährige Ford-Leserin schon eine Menge über den Autor. Denn wer sollte sonst hinter den meist in Spott oder Witz verpackten kulturkritischen Gedanken von Fords ebenfalls 1944 geborenem Helden Frank Bascombe, dem scharf­sinnigen Nachdenker über Amerika seit den 1970ern stecken? In seinen drei gewichtigen Romanen «The Sportswriter» (1986), mit dem Pulitzerpreis gekrönten ­«Independence Day» (1996) und «The Lay of the Land» (2006) begleitet man lesend den jungen Bascombe bei seinen nicht sonderlich erfolgreichen Schreib­versuchen und einer scheiternden Ehe, in seinem Beruf als Makler und in seiner neuen Beziehung; sieht ihn einen Sohn verlieren und mit den beiden anderen Kindern Beziehungen aufbauen. Entgegen Richard Fords eigener Ankündigung, nun sei es mit den ­Bascombe-Büchern vorbei, erschien 2015 «Frank», dessen Originaltitel «Let me be Frank with you» bereits einen Hinweis auf die teils umwerfende Komik dieser vier grossen Geschichten gibt, mit denen sich Ford in gross­artigem Paradox auf die Tragik der grossen Themen Tod, Alter und Schicksalsschlag einlässt. Und dann gab es ja noch «Canada» (2012), einen preisgekrönten Roman um einen 15-jährigen Jugendlichen, der durch die so verstörende wie verzweifelte kriminelle Tat seiner Eltern diese ins Gefängnis wandern sieht und selbst in eine gefährliche Lage katapultiert wird.

Vater stirbt in den Armen des 16-jährigen Richard

Tatsächlich erlebte Richard Ford im selben Alter etwas, das ähnlich absolut sein bisheriges Leben umwarf und das nun eine Art inneres Zentrum des aktuellen, unverstellt persönlichen Buches darstellt. Sein Vater starb ein paar Tage nach dem 16. Geburtstag seines Sohnes in dessen Armen. Als Parker Carroll Ford zwölf ­Jahre zuvor seinen ersten Herz­infarkt gehabt hatte, hatte er versucht, sein unruhiges Leben als Handlungsreisender, das ihn von Montag bis Freitag unterwegs sein liess, zu stabilisieren.

Vor allem aber, was Ford von seinen jungen Eltern erzählt, ist die respektvolle Vermutung einer freudigen Liebesgeschichte. «Selbst als junger Mann verströmte mein Vater keine ‹Stärke›. Sondern vielmehr etwas noch nicht auf die Probe Gestelltes, was sympathisch war, und eine Tendenz dazu, übersehen zu ­werden … Er hatte sein stattliches Format; sein warmes, zögerliches Lächeln. Eine Frau, der das gefiel – wie meine Mutter – mochte das als schüchtern auffassen, als eine Zerbrechlichkeit, mit der sie als Ehefrau arbeiten konnte.»

Die Eltern reisten zusammen. Mit Kindern rechneten sie nicht mehr. Tatsächlich war Parker 39 und Edna 33, als sie nach 15 Jahren Ehe schwanger wurde. Sie hatten ein gutes gemeinsames Leben unterwegs, und später, zu dritt, ein gutes gemeinsames Wochenendleben. Als Sohn merkt Ford an: «Dass sie so sehr eine ‹Einheit› bildeten, liess mir Freiraum und wurde zu einem weiteren Luxus, der aus der Konstruktion unseres Lebens erwuchs.»

Dies Leben brach an einem Sonntagmorgen im Februar 1960 ab. Parker Carroll rang nach Atem, sein Sohn versuchte ihn wiederzubeleben, aber er war schon tot. Dann reiste Parkers Bruder an und ordnete eigenmächtig den Transport des Toten ins Familiengrab an. «In dieser Tat lebt kränkendes Unrecht fort. Unabänderlich. Am Ende war er endgültig weg von meiner Mutter. In ihrem Denken – ob berechtigt oder nicht – würden sie nicht gemeinsam in die Ewigkeit eingehen. Das ist nicht das Traurigste, was ich ­kenne. Aber es gehört dazu. Aus Respekt vor ihnen beiden und aus Liebe besuche ich keines der beiden Gräber, denn sie hatten das Leben am leuchtendsten ­erlebt, wenn sie zusammen waren, und so will ich an sie denken, an beide, zusammen. Doch es vergeht kein Tag, kaum eine Stunde, in der ich nicht in irgendeiner Hinsicht an meinen Vater denke.»

Literarisches Denkmal für den Verlust

Das lange Kapitel über die Mutter schrieb Ford viele Jahre früher als dieses, und es ist an den Schluss des Buches gesetzt. So wie er dem Fehlen des Vaters in seinem Leben, dem Drama des frühen Verlustes ein Denkmal setzt, so erzählt er hier eine Geschichte von Liebe und Beziehung zwischen Mutter und Sohn, von den Grenzen des Glücks, die nach dem Tod ihres Mannes die Mutter unabänderlich empfand und schliesslich vom Zugehen auf den Tod. Minutiös leuchtet Ford hier die Rolle aus, die er als einziger Sohn übernahm – und beleuchtet mutig und ergreifend auch das, was er glaubt, versäumt zu haben. Schliess­lich ist es Dank: «… irgendwie schaffte sie Möglichkeiten für meine tiefsten Wünsche, so wie es grosse Literatur für ihre Leser tut.» Grosse Literatur: Die ist ­Richard Ford ein weiteres Mal ­gelungen.

Richard Ford als einjähriger Junge 1945 mit seinen Eltern. (Bild: Archiv Richard Ford)

Richard Ford als einjähriger Junge 1945 mit seinen Eltern. (Bild: Archiv Richard Ford)

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