ROMAN: Theaterpioniere unter dem Druck der Nazis

Das Zürcher Schauspielhaus wurde in den 30er-Jahren zur Fluchtburg für exilierte Schauspieler. Eveline Hasler zeichnet die aufwüh­lende Zeitgeschichte nach.

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Eveline Hasler ist spezialisiert auf Romane mit historischem Hintergrund. (Bild: Ayse Yavas, PD)

Eveline Hasler ist spezialisiert auf Romane mit historischem Hintergrund. (Bild: Ayse Yavas, PD)

1933 lassen die Nazis die deutschen Theater von Juden und Kommunisten säubern. Die verfemten Schauspieler und Dramaturgen – unter ihnen grosse Namen wie Therese Giehse oder Leopold Lindtberg – finden Unterschlupf in Zürich, wo ihnen Theaterdirektor Ferdinand Rieser Verträge anbietet. «Er kauft sie zusammen, wie man Weizen kauft bei schlechter Weltlage», frotzelt man in Zürich über den «cleveren Geschäftsmann».

Polemik um Stückwahl

Der frühere Weinhändler Rieser hatte das mässig erfolgreiche Theater am Pfauen bereits 1924 übernommen und es mit grosser Leidenschaft zum erfolgreichen Sprechtheater weiterentwickelt. Die Stückwahl bestimmt seine Frau Marianne, Tochter eines jüdischen Handschuhfabrikanten aus Prag und Schwester von Franz Werfel, einem der meistgelesenen Schriftsteller deutscher Sprache.

Neben klassischem Stoff von Shakespeare bringen die Riesers zeitgenössische Werke wie Ferdinand Bruckners «Die Rassen» auf die Bühne – das weltweit erste Stück, das sich direkt gegen den Nationalsozialismus wendet. In der Folge stören Frontisten die Vorstellungen mit Sprechchören, was dem Theater indes zu mehr Publizität und steigenden Zuschauerzahlen verhilft.

Zu den regelmässigen Premierengästen gehört auch der deutsche Schriftsteller Thomas Mann, für den das Migrantentheater im Zürcher Exil zu einer Oase des Heimatgefühls wird. Sein öffentliches Bekenntnis zur Opposition gegen Nazi-Deutschland folgt aber erst 1936 «nach drei Jahren des Zögerns». Bis dahin hofft der Dichter vergeblich, seine alte Heimat nicht ganz aufgeben zu müssen.

Die Stückwahl des Schauspielhauses sorgt aber nicht nur wegen seiner Konfrontation mit dem mächtigen Nachbarland für Polemiken. Der Schweizer Schriftstellerverband fordert eine Quote für Werke von hiesigen Autoren. Und Verbandspräsident Felix Moeschlin, Sympathisant der Faschisten in Italien und Deutschland, wehrt sich gegen die Stückewahl des «Jud Rieser, der, wie bei seinesgleichen üblich, nur auf die Kasse schaut».

Max Frischs heikles Statement

Auch der Architekturstudent Max Frisch bemängelt in einem Brief an seine jüdische Freundin den Spielplan und befürchtet, das Theater könne es mit seiner Toleranz übertreiben und in «leichtfertiger Deutschfeindlichkeit» zum Sammelbecken verbotener Autoren werden. Damals war der 23-Jährige offenbar noch ohne die Erkenntnisse, die ihn später «Andorra» schreiben liessen, eine Parabel über die mörderische Wirkung des Antisemitismus.

Die aus heutiger Sicht überraschende und wenig schmeichelhafte Anekdote zu Max Frisch zeugt von der Akribie, mit der Eveline Hasler nicht nur die historischen Fakten, sondern auch die damalige Stimmungslage recherchiert hat. Hasler zeichnet den politisch aufgewühlten Wellengang der Dreissigerjahre anhand von drei Familien nach, deren Schicksale ineinander verflochten sind: die Riesers, die Manns und die Schwarzenbachs, deren Sprössling James Schwarzenbach zu den frontistischen Krawallmachern gehört. Mit «Stürmische Jahre» ist der 82-jährigen Ostschweizerin und Wahltessinerin erneut ein authentischer, facettenreicher und leichtfüssiger Roman gelungen.

Theodora Peter, SFD

Eveline Hasler: Stürmische Jahre. Die Manns, die Riesers, die Schwarzenbachs. Nagel & Kimche, 224 Seiten. Fr. 29.90.