ROMAN: Tommy Wieringa und der letzte Rest Menschlichkeit

Woher kommen wir, wohin gehen wir und wofür das alles? Dies behandelt der Holländer Tommy Wieringa in seinem neuen Buch. Im Zentrum steht der Überlebenskampf einer kleinen Gruppe illegaler Migranten.

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Tommy Wieringa (49) erzählt ruhig und dabei äusserst dicht. (Bild: PD)

Tommy Wieringa (49) erzählt ruhig und dabei äusserst dicht. (Bild: PD)

Im postsowjetischen Osteuropa irrt eine kleine Gruppe illegaler Migranten durch eine endlos erscheinende Wüstenlandschaft. Der mysteriöse Afrikaner, der als Schlusslicht der Gruppe folgt, zieht bald schon das Misstrauen der anderen auf sich.

Währenddessen findet der Polizeichef der Stadt Michailopol, Pontus Beg, heraus, dass seine Mutter Jüdin gewesen ist, und lässt sich vom letzten Juden Michailopols ins Judentum einführen. Als die letzten fünf Über­lebenden der Gruppe illegaler Migranten eines Tages völlig ausgezehrt in Michailopol auftauchen und dort wie Untote durch die Strassen irren und die Mülleimer an den Strassen nach Nahrung durchwühlen, muss sich Pontus Beg ihrer annehmen. Er lässt sie in Gewahrsam nehmen. Fasziniert von der Parallele zwischen ihrer Flucht und dem Exodus der Juden aus Ägypten beginnt Beg der Geschichte der fünf Fremden auf den Grund zu gehen. Und entdeckt Schreckliches.

Im gnadenlosen Überlebenskampf

Das Setting, in dem Tommy Wieringa seine Geschichte entfaltet, ist geprägt von Trostlosigkeit und Unmenschlichkeit. Pontus Beg wird als desillusionierter Polizeichef eingeführt, der einen Lastwagenfahrer brutal zusammenschlägt, als sich dieser bei einer Verkehrskontrolle unkooperativ verhält. Die illegalen Migranten wiederum befinden sich in einem gnadenlosen Überlebenskampf, in dem jeder sich selbst der Nächste ist und sich nimmt, was er kriegen kann. Und doch, trotz dieser brutalen Ausgangslage liest sich Wieringas Roman nicht wie ein desillusionierter Abgesang auf die Menschlichkeit, sondern wie eine zutiefst humane Parabel von der Suche nach einem besseren Leben und wozu es führt, wenn man Menschen daran hindert. Wieringa erzählt seine Geschichte in einer unprätentiösen, ruhigen Sprache und schafft damit eine äusserst dichte Atmosphäre. Während wir als Leser Pontus Beg und seiner Sinnsuche ganz nahe kommen, bleibt zur Gruppe der Migranten stets eine gewisse Distanz bestehen. Wir erfahren nur wenig über ihre Herkunft und ihre ursprüngliche Motivation. Es ist ihr schmerzlicher Kampf, der sie charakterisiert, und bis zum Schluss umgibt sie etwas Geisterhaftes.

Pontus Beg funktioniert als Hauptfigur wunderbar. Trotz oder gerade dank seiner Schwächen wirkt er mit seiner lakonischen Art stets sympathisch, und seine Auseinandersetzung mit dem Judentum wird anregend geschildert und lädt ab und zu – insbesondere in den Dialogen mit dem alten Rabbi – zum Schmunzeln ein.

Mit «Dies sind die Namen» ist Tommy Wieringa ein ruhiger, philosophischer Roman gelungen, der uns daran erinnert, dass die Suche nach einem besseren Leben etwas zutiefst Menschliches darstellt. Diese Suche treibt uns alle stetig voran und prägt seit jeher unser Leben, unsere Gesellschaft und unsere Kultur.

Pascal Gut
kultur@luzernerzeitung.ch