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ROMAN: Urs Hardegger – Tödliches Date

Urs Hardegger schildert in seinem Roman, wie Sozialisten 1917 an einer Demo in Zürich erschossen wurden. Und lässt Geschichte, Milieubeschreibungen und eine Dreieckskonstellation verschmelzen.
Christoph Bopp
Die sozialistische Jugend demonstriert, das Bild zeigt sie an Pfingsten 1915 auf der Zürcher Quaibrücke. (Bild: Sozialarchiv Zürich)

Die sozialistische Jugend demonstriert, das Bild zeigt sie an Pfingsten 1915 auf der Zürcher Quaibrücke. (Bild: Sozialarchiv Zürich)

Christoph Bopp

kultur@luzernerzeitung.ch

Zur falschen Zeit am falschen Ort. Am 17. November 1917, ein Jahr vor dem Schweizerischen Landesstreik, wurde der 19-jährige Metallbauer Fritz Liniger an einer Demonstration von einer – verirrten? – Pistolenkugel in den Kopf getroffen und starb auf den Strassen von Zürich. Insgesamt kamen in den Novemberunruhen vom 15. bis zum 17. November 1917 in Zürich vier Menschen ums Leben. Der Arbeiter und Vater Robert Nägeli. Eine 41-jährige Mutter eines 9-jährigen Knaben erlitt zwei Bauchschüsse, als sie ihn vom Balkon ins Haus zurückholen wollte. Ebenfalls ums Leben kam der 33-jährige Stadtpolizist Walter Kaufmann, «durch einen gezielten Schuss im Morgengrauen». Eine Abrechnung?

1917 war ein tumultreiches Jahr. In Europa tobte der Erste Weltkrieg. Die Schweiz fühlte sich zwar nicht so bedroht wie ab 1939. Und war es auch nicht. Aber natürlich spürte man den Krieg. Mangel und Rationierung, viele Möglichkeiten für halblegale, aber fette Geschäfte. In den Fabriken wurde fleissig für den Krieg produziert, in Zürich vor allem Munition. Und im gleichen November ereignet sich im fernen Russland scheinbar Weltbewegendes. Lenin und seine Kollegen schickten sich an, das riesige ­Zarenreich in ein Paradies für die Werktätigen umzubauen.

Für Kartoffeln und Frieden

Von einer Revolution, wie sie Deutschland nach 1918 erleben sollte, war Zürich 1917 weit entfernt. Aber die Leute gingen auf die Strasse. Um Unmut auszudrücken. Gegen Ungerechtigkeiten in der Versorgung, aber vor allem für den Frieden. Max Dätwyler, später bekannt als der «Friedensapostel mit der weissen Fahne», war der aktivste, andere waren Idealisten aus dem Umfeld des Theologieprofessors Leonhard Ragaz, des Begründers der religiös-sozialen Bewegung. Sie riefen immer wieder zu Demonstrationen auf und galten als Unruhestifter. Polizei und Bürgertum taxierten sie als «nicht so gefährlich» wie die «richtigen Sozialisten». Aber wenn die Massen auf der Strasse waren, war die Polizei schnell einmal überfordert. Die Behörden riefen das Militär zu Hilfe. Und dann waren es auf einmal Gewehre, Bajonette und Maschinengewehre gegen Steine und Dachlatten. So war absehbar, dass die Situation eskalieren würde im November 1917.

Urs Hardegger schildert in seinem Roman «Es gilt die Tat», wie es zu den Toten kam. Mit dem jungen Metallarbeiter Fritz Liniger, der in der Motorwagenfabrik Arbenz in Zürich Albisrieden Lastwagen montierte, die von den kriegsführenden Parteien begehrt wurden, der aber auch in der Sozialistischen Jugend mitwirkte, rückt er eine Figur ins Zentrum, die sich gut eignet, die Konfliktlinien nachzuzeichnen.

Wenn man im «linken» Zürich marschiert, ist wichtig, dass man sagen kann, wofür oder wogegen. Und da gibt es diejenigen, welche von der Revolution und der Arbeiterrepublik reden und dass man die Ausbeuter und ­Kapitalisten enteignen müsse. Es gibt die Friedensaktivisten, die gegen die Munitionsfabriken vom Leder ziehen, aber nicht sagen, wo die Arbeiter dann Lohn und Brot bekommen sollen. Und es gibt auch das Gemeinschaftsgefühl, das verbietet, dass man die Kameraden im Stich lässt. ­Genau das wird – in Hardeggers Roman – Fritz Linigers Schicksal. Eigentlich hätte er ein «Date» mit Marie, die im Jelmoli-Warenhaus in der Wäscheabteilung ­tätig ist. Sie wartet vergeblich.

Der «anständige» Polizist

Autor Hardegger macht daraus ein Dreieck. Stadtpolizist Xaver Steiner, für die Überwachung der revolutionären Umtriebe zuständig, hat ebenfalls ein Auge auf Marie geworfen. Geschildert wird er als Instanz, welche zwischen Polizeiführung, politischen Behörden und den Polizeikollegen, die gerne «schärfer» vorgehen würden, einen «anständigen» Standpunkt vertritt. Viele Personen, die Hardegger auftreten lässt, sind historisch. Zitiert wird ausgiebig aus den Zeitungen von damals. Der Ton ist: Unruhestifter, vor allem aus dem Ausland, haben die Arbeiter aufgehetzt; die Zürcher Behörden und die Polizei haben zu lange zugeschaut. Hardegger liefert auch Milieuschilderungen. Der Alltag einer Verkäuferin mit deutschem Vater wird erlebbar. Die Verhältnisse der Arbeiterfamilie Liniger machen nachvollziehbar, dass Fritz in der Sozialistischen Jugend Geborgenheit und Heimat erlebt. In Diskussionen mit dem Aktivisten der Internationalen, Willi Münzenberg, und dem «Arbeiterbildner» Fritz Brupbacher wird er nachdenklich.

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