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ROMAN: Verletzte Kinder werden verletzliche Erwachsene

Nobelpreisträgerin Toni Morrison (86) thematisiert Rassismus auf unerwartete Weise. Und auch, wie die Traumatisierung von Kindern sich auf ihr späteres Leben auswirkt.
Arno Renggli
Toni Morrison, die 1993 den Nobelpreis für Literatur erhalten hat, gilt als moralische Autorität. (Bild: Philippe Wojazer/Reuters (3. November 2010))

Toni Morrison, die 1993 den Nobelpreis für Literatur erhalten hat, gilt als moralische Autorität. (Bild: Philippe Wojazer/Reuters (3. November 2010))

Arno Renggli

arno.renggli@luzernerzeitung.ch

«Lula Ann zu stillen, war für mich so, als hinge mir ein kleines Negerlein an der Brust.» Die das sagt, ist selber eine Farbige. Aber ihr Baby ist derart tiefschwarz, dass die Mutter, stolz auf ihre eigene eher helle Haut, es nicht annehmen, nicht lieben, kaum anfassen kann. So wächst Lula Ann in unerfüllter Sehnsucht nach Zuwendung auf. Und wird einmal, um der Mutter zu gefallen, vor Gericht eine Falschaussage machen, die einen Menschen viele Jahre ins Gefängnis bringt.

Es ist eine der Kausalitäten, die Toni Morrison meisterhaft aufzeigt und erzählerisch weiterführt. Die Protagonistin, inzwischen eine junge Erwachsene und sich Bride nennend, ist zur Schönheit gereift und hat es bis zur Managerin einer Kosmetikfirma gebracht. Haut bleibt als ein zentrales Thema in ihrem Leben. Und sie hat einen Mann kennen gelernt, der sie glücklich macht.

«Du bist nicht die Frau, die ich will»

Als dieser ihr völlig unerwartet eröffnet «Du bist nicht die Frau, die ich will» und abhaut, ist es ein Schock. Und bedeutet wieder Ablehnung, wie damals durch die Mutter. Bride kann dies nicht akzeptieren, macht sich auf die Suche nach dem Geliebten, um ihn zur Rede zu stellen. Dafür muss sie ihre gewohnte urbane Umgebung verlassen, gerät mitten in der Pampa in eine Situation, in der Äusserlichkeit gar nichts mehr zählt. Und in der sie sich mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinandersetzen muss.

Toni Morrison hält die erzählerischen Fäden geschickt in den Händen und führt sie zusammen. Man erfährt, dass auch der Geliebte Brides eine traumatische Kindheit hatte – ein Bruder fiel einem Kinderschänder zum Opfer. Dies – sowie Brides misslungener Versuch, ihre damalige Falschaussage gutzumachen –, führen in einer fatalen Verkettung dazu, dass der Mann sie verlässt.

Es ist ein von Anfang bis Ende durchkomponierter Roman – mit nur knapp 200 Seiten von einer fast strengen Dichte –, und trotzdem wirkt er ungeheuer berührend. Was die Kinder durchgemacht haben, schnürt einem beim Lesen die Kehle zu. Und man versteht nur zu gut, wie das Erlittene die Betroffenen auch als Erwachsene nicht loslässt, ihre Hoffnung nach Glück fast zwangsläufig zunichtemacht, weil sie zu sehr mit den eigenen Verletzungen beschäftigt sind.

Und doch führt Morrison die Geschichte nicht ins Trostlose. Sie hat eine Alternative parat, die glaubwürdig ist, weil sie sich bei aller formalen Strenge auch Surrealitäten erlaubt. Dazu gehört etwa, dass Bride sich ab dem Moment, als sie die Sicherheit der Glamourwelt verlässt, körperlich wieder zum Kind zurückentwickelt. Zumindest bis sie die Kraft findet, ihr Leben und Handeln wieder selber zu bestimmen.

Rassismus gegenüber der eigenen Rasse

Es geht um verletzte Kinder, aus denen verletzliche Erwachsene werden. Eine Hauptquelle dieser Verletzungen ist auch in diesem Roman Morrisons der Rassismus. Sie hat sich in all ihren bisher zehn Werken damit befasst. Im neuen Buch ist es ein Rassismus, der von den Schwarzen, etwa Brides Mutter, selber ausgeübt wird. Doch geht es auf den Rassismus der gesamten US-Gesellschaft zurück, wenn Menschen ihre eigene Hautfarbe verleugnen. Indem Bride als junge Frau einen grossen Sex-Appeal hat, manifestiert sich in ihr auch die Schizophrenie popkultureller Verehrung des schwarzen Körpers bei gleichzeitiger alltäglicher Ablehnung.

Morrison erzählt in einer einfach wirkenden Sprache, die aber vor allem präzise und lebendig ist. Es gibt schockierende Stellen, gerade durch den immer wieder auftauchenden körperlichen und seelischen Missbrauch von Kindern. Zweifellos hätte die Geschichte Potenzial für mehr Buchseiten gehabt, was in einigen Kritiken bedauert wurde. Aber man kann es auch so sehen: Dieses Buch hat keine Zeile zu viel. Und was Toni Morrison vermitteln will, das erzählt sie bewegend und mit langem Nachhall.

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