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ROMAN: Verlierer der Grossstadt schonungslos porträtiert

Die 29-jährige Britin Kate Tempest gilt als Shootingstar. Ihr erster Roman ist nun auf Deutsch erschienen. Sie schreibt über den Schmerz des modernen Lebens.
Bernadette Conrad
Das fast kindliche Aussehen täuscht: Kate Tempest schreibt über die harte Erwachsenenwelt. (Bild: Imago)

Das fast kindliche Aussehen täuscht: Kate Tempest schreibt über die harte Erwachsenenwelt. (Bild: Imago)

Bernadette Conrad

Kate Tempest verbindet als Rapperin und Dichterin hohe Sprachkunst mit schnellen Rhythmen. Sie wird die «momentan bedeutendste Poetin Englands» genannt. Mit 27 hatte sie den renommierten Lyrikpreis Ted Hughes Award erhalten, der noch nie zuvor an jemanden unter 40 gegangen war. Nachdem England, Amerika und Australien ihr längst den roten Teppich ausgerollt haben, ist die Spoken-Words-Artistin und Lyrikerin nun auch im deutschsprachigen Raum angekommen. In ihrem ersten Roman «Worauf du dich verlassen kannst» greift sie die Geschichten auf, von denen die Songs ihres preisgekrönten Debütalbums «Everybody Down» handelten.

Harte Lebensgeschichten

Das Buch spielt in Südlondon, Kate Tempests eigenem Heimatboden. Da ist Becky, eine 26-jährige Tänzerin, die mit Pete zusammen ist, aber ihre eigentliche Liebesgeschichte mit Petes Schwester Harry erlebt, einer jungen Drogendealerin. Wie Harry fragt sich auch Becky immer wieder, wer sie wirklich ist: «Die perfekte Tänzerin, die sich niemals beklagt? Das Mädchen aus Südlondon, das zu Hause kokst? Die folgsame Nichte, die im Café ihres Onkels den Abwasch macht? Die erotische Masseuse mit Lippenstift und High Heels, die durch die Stadt fährt, um Geld zu verdienen?»

Kate Tempest erzählt harte Lebensgeschichten, ihre Solidarität gehört den Verlierern der Kapital-Metropole. Nicht zuletzt ist da der Schmerz über den Verlust von Musikkneipen, Probebühnen, Orten der Gemeinschaft, in denen die Autorin selbst in jungen Jahren hineinwachsen konnte in die Welt der Musik. Längst aber ist sie viel mehr als das ungebärdige Hip-Hop-Kind, das 16-jährig an Open Mic Nights auftrat und sich in dieser männerdominierten Musikszene behauptete. In ihrem Künstlernamen «Tempest» klingt Shakespeare an und tatsächlich schöpft sie aus alten Quellen wie den englischen Barden oder der griechischen Mythologie. Sie schöpft Figuren aus ihrer Südlondoner Umgebung: Working class, Überlebenskünstler und Scheiternde.

Unter die Oberfläche kommen

Von diesen «Menschen, die ihren müden, gebrochenen Herzen einen netten Abend abtrotzen», erzählt auch der Roman. Becky will jene Kompromisse nicht mehr, für die sie mit ihrer Würde bezahlt. «Jahrelang hatte sie auf Partys gelächelt, gleichgültig in Vorsprechräumen herumgestanden, an den Lippen von Regisseuren gehangen. Sie ist es satt.»

Der Roman enthält starke Porträts und Passagen, ist aber auch noch als Spielfläche einer Debütantin zu erkennen; mit Längen und Redundanzen. Eindrucksvoll aber ist die klug verdichtete Sprache: Dann wirkt sie manchmal wie eine griechische Mahnerin, eine uralte Kassandra, die von weit her gekommen ist, um zu warnen vor einem Leben, das nie unter die Oberfläche geht.

Bewertung: 4 von 5 Sternen

Kate Tempest: Worauf du dich verlassen kannst. Rowohlt Taschenbuch, 397 Seiten, ca. Fr. 18.–.

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