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ROMAN VON ANDRÉ DAVID WINTER: Ein Aussenseiter macht aus einem Heim ein Daheim

Mit einem ausrangierten Knecht als Protagonisten kann es eigentlich nur traurig herauskommen. Doch der Luzerner André David Winter dreht daraus eine bewegende Mutmacher-Story. Ohne den Leser ganz in Wohlgefühl versinken zu lassen.
André David Winter (56) lebt mit seiner Familie in Hitzkirch. (Bild: PD)

André David Winter (56) lebt mit seiner Familie in Hitzkirch. (Bild: PD)

Wie hiess noch gleich der rebellische Typ, der im Film «Einer flog über das Kuckucksnest» eine psychiatrische Anstalt auf den Kopf stellt? Genau, McMurphy, gespielt von Jack Nicholson. Mit diesem hat Joseph Bitzi allerdings charakterlich recht wenig gemein. Er ist ein alter Knecht, der vom Jungbauern ausrangiert worden ist und ins Heim kommt. Doch dieses auf den Kopf stellen, das tut auch er – mit sanfter Beharrlichkeit und Präzision.

Das Heim ist ein Ort, wo Insassen mit viel Bevormundung in ein ereignisfreies Lebensfinale überführt werden. «Immer wollen sie die alten Leute zudecken», ist eine von Bitzis Feststellungen. Und er wird aktiv, fängt an, Gärten anzulegen, Haustiere aufs Heimgelände und zugleich verkrustete Mitbewohner aus der Reserve zu holen. Diese reagieren auf Bitzis unkonventionelles Tun mit Irritation, aber auch mit geweckten Lebensgeistern. Und sogar der junge Heimleiter, der das Treiben mit wachsender Nervosität verfolgt, muss konstatieren: Zufriedenheit und Lebensqualität seiner Schützlinge steigen im Zuge von Bitzis Feldzug gegen Eintönigkeit und Resignation. Auch wenn nicht alle die neue Aufregung überleben.

Misshandelt und verspottet

Bemerkenswert an André David Winters Roman ist vorab, dass er Joseph Bitzi als tragische Figur einführt. Ein schweres Leben hat dieser gehabt, schon als Kind und Jugendlicher. Vom Vater ist er misshandelt worden, eine Entstellung im Gesicht blieb zurück, und auch eine Verletzung der Seele. Scheinbar nicht weit gebracht hat er es alles in allem, ein Knecht ist er zeitlebens. Und auch andere Bemühungen, etwa in der Liebe, haben ihm vor allem Scham und Spott eingetragen.

Und ausgerechnet so einer – «Es bitzi, en Gringe» – wie sie ihn nennen, krempelt die Ärmel hoch, nutzt gewisse günstige Umstände und macht aus einem Heim ein Daheim für sich selber und die anderen. Das berührt beim Lesen und macht froh. Genauso wie die ebenso sinnliche wie erdige, mit vielen Dialektausdrücken anheimelnde Sprache.

Aber Winter, der selber auf Bauernhöfen und in Heimen gearbeitet hat und heute als Erwachsenenbildner tätig ist, belässt es nicht bei der reinen Wohlfühl-Story. Dafür sind die Rückblenden in Bitzis Leben zu tragisch, wie auch eingestreute Geschichten anderer Heimbewohner.

Vieles muss erlitten werden, bevor Bitzi eine Wende einleitet. Wie nachhaltig diese ist, lässt der Roman offen. Derweil der unbarmherzigste Feind, das Altern, keine Missverständnisse zulässt. Doch der Mut, mit dem sich ein vermeintlicher Verlierer im Leben einbringt und etwas bewegt ohne Anspruch auf Dauer oder Vollständigkeit, dieser Mut steckt an.

André David Winter selber nennt das «Heim-Weh», die Krankheit, die man im Heim bekommt, als ein Ausgangspunkt seines Romans. So sei sein eigenes Thema des «Unbeheimatet-Seins» an die Oberfläche gedrungen. Etwa als Frage: «Wo bin ich daheim? Natürlich ist es meine Familie, aber auch die Stille, die Natur und die Literatur. Und wo werde ich daheim sein, wenn ich selber in die Lage von Joseph Bitzi komme?» Man kann sich gut in dieses Thema hineinfühlen.

Arno Renggli

arno.renggli@luzernerzeitung.ch


Hinweis

André David Winter: Immer heim. Edition Bücherlese, 154 S., Fr. 32.–. Vernissage: Dienstag, 19.45 Uhr, Chäslager Stans. VV: www.lit-z.ch

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