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ROMAN: Wie die Schweizer für Napoleon sterben

Nachfahren von Niklaus von Flüe machten Geld im Geschäft mit Schweizer Söldnern. Brillant schildert der Obwaldner Autor Carlo von Ah die Zeit Napoleons aus Innerschweizer Sicht. Mit all ihren menschlichen Aspekten.
Arno Renggli
Beim Sturm auf die Tuilerien sterben Schweizer Söldner für den König gegen die Revolution (Gemälde von Jean Duplessis-Bertaux, 1793). (Bild: PD)

Beim Sturm auf die Tuilerien sterben Schweizer Söldner für den König gegen die Revolution (Gemälde von Jean Duplessis-Bertaux, 1793). (Bild: PD)

Arno Renggli

arno.renggli@luzernerzeitung.ch

Auch hierzulande erfährt man im Geschichtsunterricht über die Zeit, in der Napoleon Europa in Atem hielt, vor allem etwas über seine Machtergreifung nach der Revolution. Über die grossen Schlachten bis und mit Waterloo. Über den Russland-Feldzug.

Dabei findet zu dieser Zeit auch ein hochspannendes Stück Schweizer Geschichte statt. Mit der sogenannten Helvetischen Republik, ausgerufen 1798, wollte Napoleon eine Art Tochter­republik errichten. Dass dies den starrköpfigen Eidgenossen zum grossen Teil wenig passte, versteht sich von selbst. Indes waren sie zu uneinig, um sich erfolgreich wehren zu können. Es kam zu verschiedenen Scharmützeln mit den Franzosen, vor allem aber zu massiven Präsenzen von Napoleons Truppen etwa in Ob- und Nidwaldner Dörfern. Was die Not der Bevölkerung, ohnehin karg lebend, noch erhöhte.

Kompanien junger Männer für die Kriegspotentaten

In dieser Zeit spielt ein grösserer Teil des neuen Romans von Carlo von Ah. Sein Protagonist hat tatsächlich gelebt. Der Obwaldner Joseph Ignaz von Flüe ist ein Nachfahre von Bruder Klaus. Wobei er und seine Familie (wie etwa auch die bekannten von Redings aus Schwyz) sich nicht sehr christlich am lukrativen Geschäft mit Schweizer Söldnern beteiligen.

Dies läuft etwa so: Man stellt eine Kompanie junger Männer zusammen, die man mit Versprechungen und Handgeldern überzeugt oder schlicht gezwungen hat, und verschachert sie an europäische Potentaten für ihre kriegerischen Aktivitäten. Damals gelten die Schweizer noch als Draufgänger – Soldaten gehören zum wichtigsten Exportgut.

Die erste Station im Leben von Joseph Ignaz von Flüe, die der Roman erzählt, ist die Französische Revolution. Von Flüe ist Leutnant in einem Schweizer Söldnerregiment, das in Paris im Dienste des Königs gegen Revolutionäre kämpft. Er überlebt das Gemetzel – ganz im Gegensatz zu vielen anderen Schweizern, die etwa beim Sturm auf die Bastille oder die Tuilerien sterben.

Nachdem von Flüe weitere Wirrungen im Zuge der Revolution durchgemacht hat, kehrt er in seine Heimat nach Obwalden zurück. Schliesslich gibt es dort eine junge Frau, das Anneli, das er unsterblich liebt. Nur heiraten mag er sie nicht, denn sie ist nur die Tochter eines Korbflechters. Zu gross sind die Standesunterschiede, zu gross ist der Druck seiner prominenten Familie, zu gross seine Angst, sich seine politische Karriere zu verbauen.

An einer solchen ist Joseph Ignaz sehr interessiert, schliesslich ist sein Vater Obwaldner Landammann. So versucht er, sich in die politischen Ränkespiele zwischen Franzosen und den hete­rogenen Schweizer Interessen­lagern einzubringen, wird aber lediglich zum Spielball von Leuten, die cleverer und einflussreicher sind als er. Er erlebt, wie seine Landsleute von den Franzosen drangsaliert werden, verpasst es aber, klar Stellung zu beziehen. Und auch die letzte Chance, sich für Anneli zu entscheiden. Stattdessen entfremdet er sich seiner Heimat immer mehr.

Auf nach Spanien – dann nach Russland

Er heuert wieder bei den Franzosen an und macht bei Napoleons blutig-groteskem Spanien-Krieg mit. Dieser bildet einen neuen Teil im Roman. Hier kämpfen öfter Schweizer gegen Schweizer, denn auch der spanische König hat viele von ihnen verpflichtet. Indessen kann nicht einmal die Grausamkeit des Guerillakriegs von Flüe davon abhalten, sich Napoleon dann auch auf dem Russland-Feldzug anzuschliessen.

Die Kapitel über dieses grössenwahnsinnige Unternehmen erdrücken auch im Roman beinahe die an sich historisch interessanteren Teile davor, deren Hintergründe regionaler sind. Und zudem nicht schon hinlänglich bekannt. Aber Carlo von Ah ist ein hervorragender Erzähler. Es gelingt ihm, auch dem Russland-Feldzug besondere Aspekte abzuringen. Vor allem, indem er ganz nahe an die Personen herangeht. Zu ihnen gehört Joseph Ignaz von Flüe, der ein Schweizer Regiment befehligt. Aber auch andere Menschen aus der Innerschweiz, da­runter Frauen und Kinder. Ja, auch Letztere hatte es zu Tausenden im Tross der Grande Armée, als ­Anhängsel der Soldaten. Und sie alle erlebten im hochwinterlichen Rückzug die Kulmination menschlichen Leidens.

Von Flüe wird auch diese Kämpfe und Strapazen über­leben, aber nie mehr richtig in seine Heimat zurückfinden. Sondern letztlich ein Söldner bleiben. Und seine grosse Liebe?

Atemlose Spannung und grosse Anteilnahme

Man liest Carlo von Ahs Roman mit atemloser Spannung und immer wieder bewegter Anteilnahme. Er erzählt Geschichte von gesamteuropäischer Dimension, bricht sie aber immer wieder herunter auf die Zentralschweiz. Gar vieles am Leben in einer Zeit, die nur wenig mehr als 200 Jahre zurückliegt, scheint uns heute fast nicht mehr vorstellbar.

Erzählerisch brillant funktioniert die Technik, die Historie mit den Schicksalen einzelner Figuren zu verknüpfen. Namentlich mit Joseph Ignaz von Flüe, der alles andere als ein Held ist. Vielmehr ein zwar anständiger und oft tapferer, aber auch opportunistischer Mensch, den die Umstände seiner Zeit geprägt haben.

Hinweis

Carlo von Ah: Von Flüe im Krieg. Pro Libro, 357 S., Fr. 34.–.

Lesungen: 15. November, 20 Uhr, Buchhandlung Tau, Schwyz.

16. November, 20 Uhr, Hotel Kreuz in Sachseln.

23. November, 18.45 Uhr, Literaturhaus Stans.

19. Januar, 20 Uhr, Talmuseum Engelberg.

Carlo von Ah. (Bild: Maria Schmid)

Carlo von Ah. (Bild: Maria Schmid)

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