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Rossini ist ein Fall für heute

Was soll eine Inszenierung – und was darf sie? Mit dieser Frage sehen sich am Opernhaus Zürich der der Il turco- Regisseur Jan Philipp Gloger und der Bühnenbildner Ben Baur konfrontiert.
Rolf App
Renato Girolamo als Don Geronimo, Regisseur Jan Philipp Gloger und Julie Fuchs als Fiorilla während einer «Il tuco»-Probe. (Bild: Danielle Liniger)

Renato Girolamo als Don Geronimo, Regisseur Jan Philipp Gloger und Julie Fuchs als Fiorilla während einer «Il tuco»-Probe. (Bild: Danielle Liniger)

Die Stunde vor unserem Gespräch hat Regisseur Jan Philipp Gloger damit zugebracht, mit der Sopranistin Julie Fuchs ihre Partie in Gioachino Rossinis Oper «Il turco in Italia» durchzugehen, und zu klären, wo es darin um echte und wo nur um vorgetäuschte Gefühle geht – und was das für die Interpretation bedeutet. Denn diese Fiorilla ist doch ein komplizierterer Charakter, als er zu Beginn erscheint. Da tritt sie als lebenslustige junge Frau an der Seite eines lächerlichen alten Ehemannes auf, der ihr sichtlich nicht gewachsen ist. Was sich spätestens dann zeigt, als ein wohlhabender Türke landet und nicht nur das schöne Italien, sondern auch die schönen Italienerinnen bewundert. So kommt es zu lauter Missverständnissen und amourösen Verstrickungen.

Ein Türke in Italien: Das sieht verdächtig nach jenem Zusammenstoss von Kulturen aus, der unsere Zeit prägt. Das zumindest hat sich Jan Philipp Gloger gedacht und daraus zusammen mit dem Bühnenbildner Ben Baur eine Inszenierung erarbeitet. Beide sitzen jetzt als munteres Gespann im Spiegelsaal des Opernhauses Zürich und schildern das konfliktreiche Nebeneinander mehrerer Wohnpartien im selben Haus, zu dem Rossinis komische Oper unter ihren Händen geworden ist.

Man ist nicht befreundet, teilt aber viel

«Man ist nicht befreundet, teilt aber viel miteinander», erklärt Ben Baur. «Wir haben auf die Drehbühne ein Haus montiert mit drei verschiedenen Wohnungen. In die eine zieht der Türke ein. Er ist aus seiner türkischen Grossfamilie ausgezogen, die ihn sucht, und findet sich nun neben Fiorilla und Geronio, und neben einem Dokumentarfilmer wieder.» Der stellt eine Weiterentwicklung jenes Dichters dar, den Rossinis genialer Librettist Felice Romani die Handlung auf die Spitze treiben lässt, und macht Reality-TV. «Man wird das Resultat seiner Erkundungen im eigenen Haus am Ende sehen können, er wird der Story eine ganz entscheidende Wendung geben», erzählt Jan Philipp Gloger. «Mehr verrate ich nicht.»

Eine Oper aus dem Jahr 1814 einfach um zweihundert Jahre in die Zukunft katapultieren – darf man das? Oder soll man das sogar? Darf man ein Werk um- und neudeuten? Nicht nur hier stellt sich die Frage. Der Regisseur Peter Konwitschny hat sie mit dem verblüffenden Satz beantwortet: «Das Werk ist klüger als sein Autor.» Und zwar deshalb, weil der Kontext sich ändert. «Der Autor stirbt, das Werk bleibt erhalten. Die Zeit um das Werk herum ändert sich und damit das Verhältnis des Stücks zur umliegenden Wirklichkeit, also zu uns heute.»

Regie muss aus dem Stück entwickelt werden

Allerdings, fügt Konwitschny hinzu, «möchte ich nicht, dass die Regie über das Werk gestülpt wird. Für mich muss Regie immer aus dem Stück entwickelt werden.» Gloger drückt es ganz ähnlich aus. «Eine gute Inszenierung entsteht immer aus einer genauen Auseinandersetzung mit dem Werk», sagt er. «Die Inszenierung bleibt aber nicht dabei stehen nur zu illustrieren, sondern sie versucht, einen Kern herauszuarbeiten und zu übertragen.» Eine historisch einwandfreie Inszenierung könne heute rasch museal wirken, weil sich die Codierung gesellschaftlichen Verhaltens gewandelt habe. «Um etwa die Radikalität von Mozarts <Figaros Hochzeit> zu erhalten, einer meiner Lieblings-Opern, muss man Vorgänge übersetzen.» Das Werk ignorieren dürfe man dabei nicht, «vor allem dann nicht, wenn man vor sich ein so perfekt konstruiertes Gebäude hat wie Rossinis <Il turco in Italia>.» Dabei, fügt Ben Baur hinzu, spielt die Musik, im Falle Rossinis vor allem der Rhythmus, eine zentrale Rolle. «Ihm muss man folgen, sonst macht man aus schwarz und weiss grau.»

Oper: Das ist zuallererst eine sinnliche Erfahrung. Sie kommt im besten Fall nicht nur im Kopf an, sondern geht unter die Haut. Und bleibt ein Stück weit auch rätselhaft. «Wenn man rausgeht und alles zu Ende gedacht ist, dann macht das doch keinen Spass», sagt Ben Baur. Eine der grossen Qualitäten von Kunst sei Komplexität, sagt Gloger. Es gebe Kunstwerke, die komplett nicht zu entschlüsseln seien. Das sei bei Rossini nicht der Fall. Hier liege die Komplexität darin, «dass man sich fragt: Spielt die Figur das Gefühl nur vor, oder hat sie es?» Hinter dem Komischen liege das Leiden, liege die Verzweifeln. Trotzdem muss man vor allem eines: lachen.

Hinweis

Premiere: Sonntag, 28.April, 19 Uhr, Opernhaus Zürich.

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