RUDOLF LYSSY: Harte Arbeit für die leichte Kunst

Sein Name ist untrennbar mit dem grössten Schweizer ­Kinoerfolg verbunden: «Die Schwei­zer­macher». Heute kann Regisseur Rolf Lyssy seinen 80. Geburtstag feiern. Wir blicken mit ihm auf 40 Jahre Filmemachen zurück.

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«Wer über die Mittelmässigkeit hinausreicht, stösst auf Neid und Missgunst», sagt Rolf Lyssy, der heute seinen achtzigsten Geburtstag feiern kann. (Bild: Keystone)

«Wer über die Mittelmässigkeit hinausreicht, stösst auf Neid und Missgunst», sagt Rolf Lyssy, der heute seinen achtzigsten Geburtstag feiern kann. (Bild: Keystone)

Lyssys Film «Die Schweizermacher» (noch 13 Tage verfügbar) www.luzernerzeitung.ch/bonus

Andreas Stock

Den Kinovirus hatte er sich als Bub eingefangen. «Diese Faszination für das Kino ist ungebrochen», sagt Rolf Lyssy im Wohnzimmer seiner altehrwürdigen Stadtwohnung in Zürich-Hottingen. Für das Gespräch stellt er die dezente Jazzmusik ab. «Ich höre den ganzen Tag Jazz», sagt Lyssy, der als Schlagzeuger des Easy Listening Music Quartet wöchentlich von November bis April in der Bar des Zürcher Hotels Eden au Lac Jazz spielt.

Das Lachen war ihm vergangen

Im Gegensatz zur Liebe zur Musik musste er für seine Kinoleidenschaft in den letzten mehr als 40 Jahren einiges erleiden. Lyssy hatte es sogar mal aufgeben wollen. Es gab eine Zeit, da wollte er nie mehr einen Spielfilm drehen. Er steckte nach gescheiterten Filmprojekten in einer schweren Depression; das Lachen war ihm vergangen.

Dabei hatte der mit feiner Ironie beschlagene Regisseur, dessen Vorbilder unter anderem grosse Komödienregisseure wie Billy Wilder, The Marx Brothers oder Woody Allen sind, mit Komödien wie «Teddy Bär» (1983) oder «Leo Sonnyboy» (1989) die erfolgreichsten Schweizer Filme im jeweiligen Jahr gedreht. «Nach dieser Krise vor 18 Jahren hatte ich beschlossen, keine Drehbücher für Spielfilme mehr zu schreiben. Der Zermürbungsprozess war einfach zu heftig gewesen», erinnert sich Lyssy.

Ein «Canossa-Reisender»

Rolf Lyssy, in einfachen Verhältnissen in Herrliberg aufgewachsen, ist zwar einer der erfolgreichsten Schweizer Filmemacher. Aber ein Regisseur, der sich seine Erfolge meistens schwer verdienen musste. Er konnte auch lange nicht so viele Filme realisieren, wie er das gerne getan hätte. Vielfach lag es daran, dass die Finanzierung scheiterte. Er sei «ein Leben lang ein Canossa-Reisender» gewesen, schreibt Jürg Acklin im lesenswerten Buch «Die Schweizermacher – Und was die Schweiz ausmacht», das zu Lyssys 80. Geburtstag erscheint.

Darum die Frage: Wenn einem ein Filmerfolg so sehr als Etikett anhängt wie «Die Schweizermacher» – war dann dieses Etikett mehr Bürde oder Würde? «Wenn sich so ein Erfolg ergibt, ist das zuerst einmal eine grosse Freude», antwortet er. In den Jahren darauf habe er aber lernen müssen, damit umzugehen. «Erfolg hat immer zwei Seiten, eine helle und eine dunkle. Mit der hellen umzugehen, ist keine Kunst. Aber mit der dunklen, das ist nicht so einfach.» Aber er nehme diese Fokussierung auf «Die Schweizermacher» mittlerweile gelassen. Eine Bürde sei der Film keine mehr.

Enormer Erwartungsdruck

Die dunkle Seite freilich war eine Herausforderung. «Der Erfolg bringt einen in der Schweiz nicht unbedingt weiter», sagt der Regisseur. «In den USA hat man Freude am Erfolg eines anderen, man zollt ihm Anerkennung. Bei uns macht Erfolg einen verdächtig. Wer über die Mittelmässigkeit hinausreicht, stösst auf Neid und Missgunst, das habe nicht nur ich so erlebt», bilanziert er ohne Groll.

Doch der Erwartungsdruck nach «Die Schweizermacher» war enorm. Und obwohl sein nächster Film «Kassetten­liebe» (1981) mit Emil Steinberger stolze 200 000 Kinoeintritte verbuchte, war das nicht mit den weit über einer Million «Schweizermacher»-Besuchern vergleichbar. Es liegt nicht etwa daran, dass Lyssy bei der Filmförderung mit Projekten immer wieder mal auf Ablehnung stiess, dass er eine kritische Haltung gegenüber der Förderpolitik hat. Viele Jahrzehnte hatte er sich filmpolitisch engagiert.

Er ist vielmehr überzeugt, man müsste die gesamte Förderung nochmals neu denken. «Die Kunst und der Film vertragen keine Basisdemokratie», sagt ­Lyssy mit Blick auf die Kommissionen, die aufgrund von Drehbüchern per Abstimmung entscheiden, ob ein Projekt unterstützt wird oder nicht. «Aber was soll ich da mit meinen 80 Jahren noch ‹mitdökterlen›. Das ist eine Aufgabe für die jüngere Generation.»

Es sind Kommissionen, die aktuell darüber entscheiden, ob Rolf Lyssy nach 22 Jahren («Ein klarer Fall», 1994) diesen Sommer wieder einen Spielfilm drehen kann. In den letzten 16 Jahren hat er sechs Dokumentarfilme gedreht, zuletzt «Ursula – Leben im Anderswo» (2011). «Das war eine gute Phase, ich bin sehr froh, dass ich diese Filme machen konnte», hält er fest. Doch jetzt wäre alles bereit für «Die letzte Pointe», eine Tragikomödie um Demenz und Sterbehilfe mit Monica Gubser in der Hauptrolle. Ob die Gremien zustimmen, sollte sich in den nächsten zwei Monaten entscheiden.

«Beglückende Zusammenarbeit»

Die Lust, wieder einen Spielfilm zu drehen, hatte sich vor zehn Jahren durch die Bekanntschaft und die daraus gewachsene Freundschaft mit Schriftsteller und Drehbuchautor Dominik Bernet (u. a. «Der Bestatter», «Hunkeler») ergeben. «Die Zusammenarbeit ist beglückend», sagt Lyssy und betont, dass er es allein wohl nicht geschafft hätte. Gemeinsam zu schreiben, sei sehr hilfreich; es sei ein Projekt entstanden, das er gerne auf der Leinwand sehen würde.

«Das A und O beim Drehbuchschreiben ist das Schreiben und nochmals Schreiben», betont der 80-Jährige. «Die meisten Drehbücher scheitern nicht daran, dass man zu viel an ihnen gearbeitet hat, sondern zu wenig.» In «Die letzte Pointe» steckt viel Detailarbeit. Vor sechs Jahren gab es eine erste Version, die nicht finanziert werden konnte.

Als sich ein neuer Produzent dafür interessierte, haben Lyssy und Bernet «nochmals tüchtig am Buch gearbeitet». Das verlangt nach Selbstkritik, hält er fest: «Es braucht viel Energie, immer wieder zu sagen, hier und hier lässt sich noch was verbessern.» Das Schreiben von Komödien sei das Schwierigste, was es gebe. Was fälschlich als «leichte Kunst» bezeichnet wird, fordert harte Arbeit. Ob etwas komisch ist, bewerten Menschen dann unterschiedlich. Für Lyssy entsteht Komik mittels Zuspitzung und Wiederholung, wobei als drittes Element die Glaubwürdigkeit der Charaktere und der Geschichte zentral sei. Lyssys Humor ist nicht vordergründig, sondern liebevoll subversiv. Den Massstab für Komik bildet der eigene Humor: «Wenn man beim Schreiben nicht selbst lachen kann, wird später auch der Zuschauer nicht darüber lachen können.»

Fit für weitere Projekte

Es wird spürbar, wie viel Freude ihm das Drehbuchschreiben macht, wie motivierend die Arbeit mit Bernet ist. Lyssy, der wöchentlich noch ein, zwei Touren auf seinem Rennvelo macht, um sich fit zu halten, sagt: «Ich freue mich auf weitere Projekte – was soll ich denn sonst machen?» In der Schublade und im Kopf hat er jedenfalls noch Ideen sowie Drehbücher, die er nicht realisieren konnte. Und wohl nie verfilmen wird. Beispielsweise «Swiss Paradise», eine Art Fortsetzung der «Schweizermacher». Es ist eines der Drehbücher, die er schliesslich aus eigener Entscheidung nicht verfilmte – weil er am Ende nicht zu 100 Prozent überzeugt davon war.

Wie sähe denn ein Remake von «Die Schweizermacher» aus, in einer Zeit, in der das Flüchtlingselend grösser und die Schweiz über die Durchsetzungsinitiative zu entscheiden hat? Bitterer, finsterer? Rolf Lyssy relativiert, er hält den Film selbst noch immer für treffend. «Den Beamten Max Bodmer könnte man noch genau so belassen.»