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RÜCKBLICK: Als lange Haare in Zug provozierten

Das Dokumentationszentrum hat «Nachhall 68» eröffnet. Die Ausstellung zeigt ein Bild von kleinen lokalen Rebellionen im Angesicht einer Welt in Aufruhr.
Bruno Bollinger schildert, wie er nach Zürich fahren musste, um rote Jeans kaufen zu können. (Bild: Stefan Kaiser (27. März 2018))

Bruno Bollinger schildert, wie er nach Zürich fahren musste, um rote Jeans kaufen zu können. (Bild: Stefan Kaiser (27. März 2018))

Lionel Hausheer

redaktion@zugerzeitung.ch

Es ist 1968. Der Lehrling Bruno Bollinger, späterer Mitgründer der Revolutionären Marxistischen Liga Sektion Zug, sortiert Post im Büro des Landis-und-Gyr-Hausjuristen. Der Hausjurist und Bundesratssohn Etter mustert kritisch Bollingers Kopf: «Wir mussten gestern schon einen zum Friseur schicken!» Das sei das Erlebnis gewesen, das ihn zum 68er gemacht habe, erzählte Bollinger an der Eröffnung der Ausstellung «Nachhall 68» im Dokumentationszentrum Zug.

Die langen Haare, Studentenbewegungen, Reden über Marxismus, soziale Gerechtigkeit und endlich angstloser Sex dank der Antibabypille: Die 68er-Jahre waren ein gesellschaftlicher Befreiungsschlag, dessen Trümmer noch heute umherfliegen. Genau dem widmet sich die Ausstellung.

Das bürgerliche Zug und die brennende Welt

Stephanie Müller hat zusammen mit Patrick Mühlefluh die Ausstellung realisiert. Die Ausstellung zeigt verschiedene Dokumente aus der Zeit und bietet in themenspezifischen Dossiers die Möglichkeit auf tiefere Recherche.

Ihr Herzstück ist aber viel greifbarer: «Worauf ich persönlich stolz bin, ist der Zeitstrahl. Wir konnten uns im lokalen Geschehen vertiefen und dieses in eine Beziehung setzen mit dem Internationalen», erzählt Müller.

Auf der einen Seite des Strahls sind Vorkommnisse aus der ganzen Welt eingetragen, auf der anderen finden sich die wichtigen Ereignisse aus Zug. Man sehe hier klar, sagt Müller, dass «nicht immer alles revolutionär und provokant war. Das Leben ging weiter.» Tatsächlich: Auf Platz eins der Schweizer Hitparade waren 1968 nicht die Beatles – sondern Schlagersänger Roland W. mit «Monja».

Der Zeitstrahl im Doku Zug macht den Riss der 68er-Jahre deutlich: Während im April der Bürgerrechtskämpfer Martin Luther King in den USA erschossen wird, diskutiert man in Zug den Neubau eines Schwimmbades.

Während im Mai in Paris 2000 Studenten sich eine Strassenschlacht mit der Polizei lieferten, feierte die Landis und Gyr das 50-jährige Bestehen der Betriebskrankenkasse. Am 1. Mai ging in Zug niemand auf die Strasse, bloss im Kino Lux feierte man den Tag der Arbeit. Kennedy wurde ermordet, zwei Tage später war die Fernsehsendung «dopplet oder nüt» in Zug zu Gast.

Eine geistige Enge in der Stadt

Das bürgerliche Zug musste sich für Jugendliche unglaublich eng angefühlt haben. Alles provozierte. Dafür reichten schon alleine rote Hosen. Bruno Bollinger erzählt, wie er nach Zürich musste, um rote Jeans zu kaufen.

Und wie danach, als er mit Freunden durch Zug ging, «ganz Zug einen verrenkten Nacken hatte». Jeder schaute ihm nach. Wohl deswegen schaut die Hose noch so neu aus. «Ich habe sie wahrscheinlich gar nie waschen müssen», vermutet Bollinger schmunzelnd.

Ein junger Trümmer

Luzian Franzini ist Co-Präsident der Junge Grünen Schweiz und im Vorstand der Junge Alternative Zug und somit sozusagen einer der Trümmer, die vom Knall der 68er bis ins Jetzt geflogen sind. «Die Auswirkungen der 68er-Bewegung sind bei uns ein zentrales Thema», bestätigt er.

Nicht nur ihr Engagement gegen die grossen Rohstofffirmen komme aus dieser Zeit. «Es geht auch um Themen wie Gleichberechtigung oder die ganze pazifistische Bewegung.»

Gerade Gleichberechtigung ist mit der neu entflammten Feminismus-Debatte brandaktuell. Auch in der Auseinandersetzung um Waffenexporte argumentieren geistige Kinder der 68er gegen das Geld von den Gewehren. Die 68er waren ein Knall. Und in der Ferne grollt es noch immer.

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