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SACHBUCH: Andrea Gerk ist oft schlecht drauf und doch zufrieden

Die Journalistin Andrea Gerk hat oft schlechte Laune. Nun hat sie ein Buch darüber geschrieben. Sie findet, Miesepetrigkeit sei ein Schutzschild gegen leere Glücksversprechen und mache erst richtig produktiv.
Valeria Heintges
Diabolisches Genie: Klaus Kinski. (Bild: Getty)

Diabolisches Genie: Klaus Kinski. (Bild: Getty)

Interview: Valeria Heintges

Andrea Gerk, Sie leben in Berlin. Das qualifiziert Sie, laut Klappentext, «als ­Expertin für schlechte ­Laune». Wieso?

In Berlin drückt die schlechte Laune nach innen: Die Leute sind so ein bisschen knurrig, ein bisschen verschattet. Das wirkt auf viele sehr ruppig.

Sie widmen Wien ein Kapitel als «Stadt der Mieselsucht». Was unterscheidet die schlechte Laune der Wiener von der der Berliner?

In Wien ist die schlechte Laune nach aussen getragen, auf Kommunikation angelegt. Es herrscht eine kunstvolle Schimpfkultur mit Wörtern wie granteln oder fuxen. Es gibt den Ausdruck «Der Schmäh rennt»: Wenn jemand einen Witz macht, greift der nächste ihn auf und dreht ihn weiter, der dritte setzt noch einen oben drauf. So ähnlich ist es mit dem Granteln.

Den Wiener Schmäh finden aber nicht alle lustig.

Ja, ich war zuerst auch verletzt, weil man ständig angeranzt wird. Dann habe ich gemerkt, wie produktiv in der Literatur mit der schlechten Laune umgegangen wird. Seither finde es extrem ­lustig, wie die Österreicher ihre Übellaunigkeit kultivieren. Das hat richtig Tradition. Denken Sie an Thomas Bernhard – der ist als Gesamtkunstwerk grantig. Er hat es zu einer Virtuosität getrieben, die ihresgleichen sucht.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Buch über schlechte Laune zu schreiben?

Ich habe wohl selbst relativ häufig schlechte Laune. Als mein erstes Buch fertig war, sagte ein guter Freund zu mir: «Schreib doch mal über schlechte Laune, davon verstehst du was.»

Nicht sehr nett …

Ich habe auch erst einmal leer geschluckt. Aber dann habe ich gelesen und Experten gefragt. Und gemerkt, dass es nicht viel gibt zum Thema. Ich fand nicht einmal eine klare Definition. ­Jeder versteht etwas anderes darunter.

Was verstehen Sie denn darunter?

Sicher ist die schlechte Laune eben eine Laune, also etwas Flüchtiges – sie dauert meist nur zwei Stunden, vielleicht zwei Tage – und überschreitet eine bestimmte Intensität nicht. Was länger als zwei Wochen dauert oder intensiver ist, ist pathologisch und zählt eher zur Depression oder zum Burn-out. Es kann aber auch eine hochschiessende schlechte Laune sein, weil einem einer den Einkaufswagen in die Hacken fährt oder was auch immer.

Ihr Buch heisst «Lob der schlechten Laune». Bei vielen schlecht Gelaunten fällt es einem schwer, etwas Positives zu finden.

Es gibt eine schlechte und eine gute schlechte Laune. Die gute schlechte Laune zieht den Grantler mit ein. Er ist sich selbstironisch bewusst, dass er schlechte Laune hat. Er will, dass sich etwas verändert. Nur dann wird die schlechte Laune produktiv. Die Anhänger der Jammerparteien auf dem Populistensektor sind völlig unproduktiv. Sie meinen sich selbst nie mit. Ein Donald Trump etwa ist zu keinerlei Selbstkritik fähig. Das ist nur ­Niedermachen von anderen und Angst vor Veränderung.

Was ist gut an der schlechten Laune?

Wenn mir alles zu viel wird, weil mir andere zu nahetreten, dann wirkt das Übellaunige, als würde man einen Filter um sich herum aufbauen. Man schafft Abstand, kommt kurz zur Ruhe – und danach kann es bald wieder weitergehen.

Sie nennen die schlechte Laune einen Schutzschild gegen leere Glücksversprechen. Was meinen Sie damit?

Es ist heute doch verpönt, launisch zu sein, man muss sich ständig im Griff haben, seine Figur, seine Gesundheit. Da passt es nicht, dass man sein Gemüt nicht im Griff hat. Sogar wenn Menschen in Not geraten, sollen sie das Positive ihrer Situation ­sehen. Warum sollte man nicht verzweifeln und mit seinem Schicksal hadern? Das sind doch menschliche Regungen. Ich finde das ein wenig dumm, ständig positiv denken zu sollen. Man kann nur eine Haltung zu einer Situation finden, wenn man sich erlaubt, das Unangenehme und Quälende anzuerkennen und zuzulassen. Wir sind doch keine Maschinen.

Dann ist die schlechte Laune ein Zeichen für «Lasst mich in Frieden»?

Absolut. Man soll ständig dauernd kommunizieren und reagieren, auf jeden Einfall eingehen, den ein Kollege in irgendeiner Sitzung äussert. Auch in der Partnerschaft: Wenn man sich nicht ­pausenlos miteinander unterhält, dann stimmt gleich irgendetwas nicht. Dabei kann es eine Qualität sein, miteinander schweigen zu können, sich in Ruhe zu lassen.

Wieso sprechen Sie von der schlechten Laune als Luxus?

Es wird zum Luxus, mal eben nicht reibungslos zu funktionieren. Man muss sich das gönnen, sich jetzt mal schlecht zu benehmen. Mitarbeiter im Servicesektor müssen die ganze Zeit gut gelaunt sein – oder so tun, als ob sie gute Laune hätten. Das ist doch wahnsinnig stressig und auf ­Dauer ungesund. Schlechte Laune zu haben ist nicht unangenehm, es kann fast gemütlich sein – solange sich die anderen nicht beklagen.

Kinder haben viel öfter schlechte Laune.

Ja, aber es stört sie nicht. Je mehr man auf sie einredet und wissen will, was los ist, umso mehr bringt man sie in Bedrängnis. Wenn man sie in Ruhe lässt, dann erübrigt sich das oft von alleine.

Sie haben sehr viele übel gelaunte Künstler und Kunstfiguren gefunden. Wie erklären Sie das?

Die Kunst ist Mittel, um Kontraste deutlich zu machen. Die miesepetrigen Figuren sind die Stellvertreter, die unsere verdrängten und unterdrückten Regungen zeigen. Mit Sicherheitsabstand dabei zuzuschauen, wie andere sich danebenbenehmen, ist komisch. Zudem hat man eine Art narzisstische Belohnung, weil man denken darf, man hätte sich selbst viel besser im Griff.

Hat das Schreiben des Buches Ihren Blick verändert?

Wenn jemand vor sich hinschimpft, finde ich das jetzt oft lustig. Das Schreiben selbst bot Grund für schlechte Laune, weil man nicht vorankommt oder denkt: Ich kann nichts. Jetzt aber ist die Resonanz auf das Buch gross. Es gibt wohl viele Menschen wie mich, die sich ständig rechtfertigen müssen, weil sie mal zwei Stunden nicht so fröhlich in die Welt schauen.

Andrea Gerk, Lob der schlechten Laune, Kein & Aber 2017, 302 S., Fr. 30.-

Eiserne Lady: Margaret Thatcher. (Bild: AP)

Eiserne Lady: Margaret Thatcher. (Bild: AP)

Abgründige Diva: Isabelle Huppert. (Bild: EPA)

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Mürrischer Internetstar: Grumpy Cat. (Bild: AP)

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Eigenbrötler: Philosoph Arthur Schopenhauer. (Bild: Getty)

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Spielt immer die Bösen: Jack Nicholson. (Bild: Getty)

Spielt immer die Bösen: Jack Nicholson. (Bild: Getty)

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