SACHBUCH: Briefe: Verlorene Welt voll von Skurrilitäten

Wann habe ich zuletzt einen Brief geschrieben, auf Papier? Viele Leute kommen da ins Grübeln. Einen Blick zurück wirft der britische Journalist Simon Garfield in seinem wundervollen Buch «Briefe!».

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Zu faul, um Briefe auf die Post zu bringen: Oscar Wilde warf sie einfach aus dem Fenster. (Bild: PD)

Zu faul, um Briefe auf die Post zu bringen: Oscar Wilde warf sie einfach aus dem Fenster. (Bild: PD)

Anett Stein, DPA

«Briefe haben die Macht, unser Leben zu erweitern. Sie enthüllen Motive und vertiefen das Verständnis. Sie sind Beweisstücke. Sie ändern Lebensläufe und schreiben die Geschichte um», schreibt Garfield. Erhalten gebliebene Schriftstücke verrieten viel über die Geschichte und die Menschen, die sie prägten. «Wir bekommen Napoleons Verwirrtheit zu fassen, Tolkiens Bescheidenheit, Einsteins wohldosierte Nostalgie und Hemingways Antisemitismus.»

Unsympathischer Caesar

Individualität und Authentizität – ein Brief, der persönlich und informativ zugleich ist – beginnt mit den Römern, den ersten wahren Briefeschreibern. Erwähnt wird etwa ein Brief Ciceros an Atticus über einen Besuch Caesars: «Was für ein unsympathischer Gast!», heisst es darin. Caesar sei kein Besucher, den man zur Wiederkehr einladen wolle. «Einmal genügte mir gerade.»

Garfield erklärt, dass sich der Stand eines Schreibers lange Zeit am Platz seiner Unterschrift ablesen liess. «Wenn Frauen im 17. Jahrhundert an Männer schrieben, stand ihr Name fast immer am äussersten Rand der untersten rechten Ecke, ein weiteres trauriges Anzeichen für ihren gesellschaftlichen Status.»

In alten Briefen finden sich auch frühe Beispiele für Metaphern: «Ich esse wie ein Pferd», hiess es etwa in einer Korrespondenz im Mai 1469, und in einem Brief von Mann zu Mann aus dem Jahr 1477 zum mühseligen Werben um eine Frau: «Nur eine schlechte Eiche lässt sich mit dem ersten Hieb fällen.»

Garfield beschreibt, wie Heinrich VIII. mit seinem Misstrauen die sichere Beförderung von Post beflügelte, und wieso der Brite Willie Bray sich selber mit der Post verschickte. Er erklärt, dass im England des 17. Jahrhunderts der Empfänger die Briefkosten trug und nicht der Absender. Weshalb manche Schreiber vorher um Erlaubnis fragten, ehe sie eine Korrespondenz begannen.

Überraschende Langweiler

Das Buch enthält viele Beispiele besonders scharfzüngiger, schlagfertiger und unterhaltsamer Briefeschreiber – und das Gegenteil: Viele Briefe der Schriftstellerin Jane Austen seien in verblüffendem Masse «stinklangweilig», sie trieften vor Häuslichkeit und augenscheinlicher Weltferne, so Garfield.

Oscar Wilde wiederum habe sich im spätviktorianischen London, «weil er so mit Genialsein ausgelastet war», nicht die Mühe gemacht, seine Briefe zur Post zu bringen. «Stattdessen klebte er eine Marke darauf und warf den Brief aus dem Fenster.» Irgendein Passant habe ihn dann in der Annahme, jemand habe ihn versehentlich verloren, meist zum nächsten Briefkasten getragen.

Am Ende eines Buches über Briefe darf ihr «Totengräber» nicht fehlen: das E-Mail. Beschrieben wird, wie 1969 zwei Männer zwei Computer erstmals dazu brachten, miteinander zu kommunizieren. Inzwischen würden täglich Hunderte Milliarden E-Mails weltweit verschickt – ein Grossteil davon Spam. Garfield plädiert dafür, auch E-Mails als Besitztum zu betrachten und sie möglichst für die Nachwelt zu bewahren.

Ihm ist ein spannendes, liebevoll formuliertes Hohelied auf die Kunst des Briefeschreibens gelungen. Zwei Jahrtausende Briefgeschichte so faszinierend präsentiert zu erhalten, macht Freude.

Simon Garfield: «Briefe! Ein Buch über die Liebe in Worten, wundersame Postwege und den Mann, der sich selbst verschickte.» Theiss, 539 Seiten, Fr. 39.90.