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SACHBUCH: Der Westen spielt den IS-Terroristen in die Hände

Der syrische Diktator Assad fördert den IS gezielt. Und der Westen tut genau, was die Islamisten wollen. Zu diesem Schluss kommt der französische Journalist Nicolas Hénin in seinem scharfsinnigen Buch. Er zeigt auch eine Strategie gegen den Terror.
Die Selbstdarstellung des IS gehört zum Mythos, mit dem er sich mächtiger gibt, als er wirklich ist. (Bild: AFP)

Die Selbstdarstellung des IS gehört zum Mythos, mit dem er sich mächtiger gibt, als er wirklich ist. (Bild: AFP)

Arno Renggli

Vorab: Nicolas Hénin (40) ist kein Theoretiker. Als Journalist hat er den Nahen Osten oft bereist. Und vor allem war er zwischen 2013 und 2014 zehn Monate Gefangener der Terrormiliz IS. Während viele seiner damaligen Mitgefangenen umgebracht wurden, hatte er schliesslich Glück und kam frei.

IS: Willkommene Kulisse für Assad

Sein Buch beginnt er mit einer Analyse des heutigen syrischen Regimes. Für ihn ist klar: Baschar el Assad muss weg und ist auf keinen Fall ein tauglicher Verbündeter im Kampf gegen den IS. Er sei auch nicht das kleinere Übel, zahlenmässig hat der Diktator ein Vielfaches mehr an Menschen auf dem Gewissen als der IS. Doch die Opfer seien eben in Syrien getötet worden, derweil IS-Opfer, die es etwa in westlichen Städten gebe, zu Unrecht mehr Beachtung erhalten.

Dass Assad die Laizität vertrete, also die Trennung von Staat und Kirche namentlich zum Schutz religiöser Minderheiten, ist laut Hénin kein Grund, ihn zu stützen. Dies sei nur Marketing, um seine Unterdrückung vor allem der sunnitischen Mehrheit zu rechtfertigen.

Hénin macht deutlich: Assad hat kein Interesse, dass der IS ausgemerzt wird, weil sonst die Drohkulisse für sein Regime verschwindet. Assads Geheimdienste haben potenzielle Dschihadisten im eigenen Land ausfindig gemacht und in den Irak ziehen lassen, um diesen zu destabilisieren. Andere wurden zum gleichen Zweck aus den Gefängnissen entlassen. Damit wurde Anfang der Nullerjahre eine Basis für das IS-Personal gelegt. Bis vor kurzem haben sich Syriens Regime und der IS selten direkt bekriegt, ihr Verhältnis ist symbiotisch. Beide kämpfen gegen gemässigte Gruppierungen. Und Gebiete, die der IS erobern konnte, hat er praktisch nie Assad, sondern Rebellen abgejagt.

Radikalisierung gemässigter Kräfte

Ein ganzes Kapitel widmet Hénin auch dem oligarchischen System, das Assad eingerichtet hat und das vor allem seinem Familienunternehmen zugutekommt. Privatisierungen gingen exklusive an zwei Clan-nahe Holdings. Während «normale» Geschäftsleute den Schutz der Geheimdienste kaufen müssen. Die aufständischen Gruppen finden andere Einkommensquellen, worunter vor allem die Zivilbevölkerung leidet. Besonders effizient ist dabei der IS.

Dieser – damit geht es zum Kern des Buches – ist in vielerlei Hinsicht eine Folge von Assads Regime. Dessen Härte radikalisierte auch gemässigte Muslime. Und militärische Interventionen des Westens verstärken noch die Solidarität unter den Dschihadisten. Diesen Interventionen fehlt auch ein klares Konzept, zu komplex ist die Ausgangslage mit den verschiedensten internen und externen Interessengruppen. Zu Letzteren gehören etwa auch der Iran, die Türkei, arabische Länder und natürlich Russland.

Dass die gemässigten Kräfte immer mehr in den Schraubstock geraten, fördert auch deren Radikalisierung. Ähnliches ist vor allem während der US-Besatzung und nach deren schludrigem Ende auch im Irak passiert, den das Buch in einem eigenen Kapitel behandelt. Genauso den Kampf um Kobane, in dem sich der Autor sehr kritisch über die kurdischen PYD-Milizen äussert. Vom Westen eher positiv gesehen, sei auch diese eine autoritär geführte Organisation, die punktuell mit Assad kooperiere und bei den demokratischen Kräften Syriens keinen guten Ruf geniesse.

Psychologische Kampfführung

Doch was ist nun das Erfolgsrezept des IS? Er weist eine im Vergleich zu anderen Rebellengruppierungen geschlossenere Organisation sowie grössere Disziplin auf und bekommt durch rigiden Totalitarismus die besetzten Gebiete verwalterisch durchaus in den Griff. Dies lässt bei den Bewohnern der von ihm besetzten Gebiete oft den Eindruck entstehen, er biete grössere Sicherheit als andere Organisationen.

Vor allem aber arbeitet der IS auf psychologischer Ebene. Etwa mit apokalyptischen Prophezeiungen, die sich nicht zuletzt dank der westlichen Militärschläge quasi selber erfüllen. Darum hat der IS grosses Interesse an den westlichen Interventionen. Laut Hénin geben ihm diese die Legitimation, sich quasi als Vertreter der islamischen Welt zu positionieren, die gerade im sunnitisch-arabischen Raum eine Existenzkrise erlebt. Deswegen müssten gemässigte Rebellen unterstützt werden, damit der IS nicht die einzige glaubwürdige Opposition in Syrien bleibt, der sich die Sunniten anschliessen können.

Ziel: Reaktion und Eskalation

Vor allem aber führen die westlichen Interventionen dazu, dass das militärische Gewicht des IS übertrieben wahrgenommen wird. Denn die Stärke des IS ist nicht primär militärisch, sondern propagandistisch. Es geht ihm darum, eine Feindschaft zwischen Muslimen und Nichtmuslimen zu konstruieren und zu schüren und Gewalt zu provozieren.

Dazu passen etwa militärische Vergeltungsmassnahmen auf die Anschläge in Paris, zu denen sich Frankreich gezwungen sah, um Kampfbereitschaft und Stärke zu zeigen. Laut Hénin drücken sie in Wahrheit Hilfslosigkeit aus und spielen dem IS in die Hände. Der US-Geheimdienst kam zur Einsicht, dass Militärinterventionen sich direkt auf die Zahl der Dschihadisten auswirken, die sich auf den Weg nach Syrien machen.

Im Grunde, so Hénin, nutzt der IS die westliche Illusion totaler Sicherheit, die uns umso heftiger auf Terror reagieren lasse. Die möglichst grausame Inszenierung und die Verbreitung via Internet sollen noch den Druck erhöhen. Terroristen sind immer an der Eskalation interessiert. Dies verdeutlicht Hénin an einem anderen Beispiel: «Der wahre Erfolg des 11. Septembers 2001 war nicht der Einsturz der Zwillingstürme, sondern der US-Einmarsch in Afghanistan und im Irak.»

Zivilbevölkerung beschützen

Nun ist Hénin nicht der Meinung, dass militärische Interventionen gänzlich sinnlos sind. Aber sie sollten sich nicht nur gegen den IS, sondern auch gegen das Assad-Regime richten. Vor allem jedoch gelte es, etwa durch die Durchsetzung von Flugverbotszonen bzw. humanitären Schutzzonen zu Gunsten der syrischen Zivilbevölkerung deren Vertrauen zu gewinnen. Entziehe man dem IS den Rückhalt in der Bevölkerung, werde dieser wie ein Kartenhaus zusammenfallen. Die Bevölkerung sei überdies die wichtigste Basis für eine politische Lösung, bei der Assad kein Bestandteil sein könne. Vielmehr müsse man bei Wahlen dann auch bereit sein, nicht nur prowestliche und laizistische Kräfte zu akzeptieren.

Flüchtlinge als Verbündete

Am Ende bietet Hénin eine interessante Sichtweise auf die Flüchtlingsthematik. Dass so viele Menschen Syrien verlassen, sei eigentlich eine Niederlage für den IS, die seine Vision des neuen hochstilisierten Kalifats total widerlege. Er habe darum ein vitales Interesse, dass Europa die Grenze schliesse und die Flüchtlingskrise einen weiteren Keil zwischen die Religionen treibe. Flüchtlinge hingegen, die Europa fair behandle und nach Möglichkeit auch integriere, seien wertvolle Verbündete im Kampf gegen Islamismus und Terror.

Nicolas Hénin: Der IS und die Fehler des Westens. Orell Füssli, 216 Seiten, Fr. 24.90. Ab morgen in den Läden.

Nicolas Hénin diskutiert am 9. Mai, 19 Uhr, im Saal des Zentrums Karl der Grosse, Zürich.

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