SACHBUCH: Hier ist das Theater «Tell-imprägniert»

Das Theater der Zentralschweiz hat viele Neben- und Naturbühnen. Und an einer grossen Mythenlast zu schleppen. In einem neuen Band beschreiben zwanzig Autoren dieses Erbe.

Julia Stephan
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Proben zum Mythenspiel Schwyz, 1991. Die Beschäftigung mit den Schweizer Nationalmythen bleibt im Theater ein Spannungsfeld. (Bild Emanuel Ammon/Aura (aus dem Buch))

Proben zum Mythenspiel Schwyz, 1991. Die Beschäftigung mit den Schweizer Nationalmythen bleibt im Theater ein Spannungsfeld. (Bild Emanuel Ammon/Aura (aus dem Buch))

Theater ist in der Zentralschweiz nicht mit der Geschichte eines Stadttheaters erzählt. Einfach wärs! Gespielt wird stadtein, landab auf kleinen Lesebühnen, im Kabarett, in Turn- und Mehrzweckhallen und – im gerade tobenden Fasnachtstrubel.

Und damit nicht genug: Selbst die Natur ist hier nicht kulturfrei. Hier haben der aus dem Ausland importierte Tell-Stoff und andere Mythen eine ihrer Erhabenheit würdige Kulisse gefunden. Derart tief ins Sediment eingegraben haben sich diese Stoffe, dass die Literaturwissenschaftlerin Barbara Piatti gar von «Tell-imprägnierten» Landschaften spricht, um deren mythische Aufladung man als Autor nicht herumkomme.

Raumsprengendes Angebot

Kein Wunder, haben sich Regisseure und Autoren wie der deutsche Volkstheaterspezialist Volker Hesse, Thomas Hürlimann, der in Luzern umtriebige Livio Andreina oder der Willisauer Louis Naef an diesen Mythen in Freilichtspektakeln abgearbeitet. Bernd Isele, ehemaliger Dramaturg am Luzerner Theater, wollte dieses raumsprengende Bühnenangebot in seiner Ganzheit erfassen.

Seinem Band hat der Herausgeber deshalb das Sammelwort «Bühnenlandschaften» vorangestellt. 20 Autoren haben daran gearbeitet: Journalisten auch unserer Zeitung, Historiker, ehemalige Player des Theaterbetriebs. Wer sich in die Aufsätze eingräbt, gräbt Erstaunliches hervor: etwa, dass schon im Luzern des 19. Jahrhunderts Standortfragen kontrovers diskutiert wurden. Das Volk wollte das heute älteste noch im Betrieb befindliche Theaterhaus der Schweiz nicht am Kasernenplatz. Ein repräsentatives Haus neben einem Schweinemarkt? Unmöglich! Heute bereitet das Roden von Bäumen oder der Abriss alter Bausubstanz mehr Bauchschmerzen.

Bis Ende des 19. Jahrhunderts war Theater in Luzern ein Importprodukt. Ausländische Theatergruppen unterhielten die Luzerner, streng überwacht von der Polizei, deren Schiesskeller – so spielt die Geschichte ihre Streiche – in den 1970ern ans Luzerner Theater überging. Heute befindet sich darin das UG.

Kein Ort fürs Experiment

Ein Ort fürs Experiment, das macht dieser Band deutlich, war die Zentralschweiz selten. Als Barbara Mundel zwischen 1999 und 2004 als Direktorin das Luzerner Theater zum Nabel der modernen Theaterwelt machen wollte, brachte sie damit zwar die internationale Fachwelt in Verzückung, in Luzern provozierte sie damit leere Theaterränge. Schliesslich will man in der Zentralschweiz, dieser Hochburg des Volkstheaters, auch unterhalten sein. Der Theaterkritiker und -autor Christoph Fellmann sieht im Laientheater vor allem eine identitätsstiftende Funktion. Mit schweizerdeutscher Komödie, Lustspiel oder Schwank sucht man in der globalisierten Welt das Heimatgefühl.

Trends ist man in der Zentralschweiz mehr hinterhergelaufen als welche zu setzen. Das mag auch mit der engen Verzahnung des Theaters mit dem für seine Reformresistenz bekannten Katholizismus zu tun haben – die Jesuiten traten in Luzern 1740 einen ihrer Theatersäle ans weltliche Theater ab und schafften so einen Vorläufer des Stadttheaters: das Obrigkeitliche Comödienhaus. Eine Regie-Ikone wie Werner Düggelin war 1978 mit seinem Einsiedler Welttheater noch an einer Aktualisierung des Caldéron-Stoffs gescheitert. Erst das Regie-Autoren-Gespann Volker Hesse und Thomas Hürlimann habe sich, so die Theaterwissenschaftlerin Anne-Christine Gnekow, von den Traditionen des geistlichen Spiels emanzipieren können.

Dürftige Ahnengalerie

Eine grosse Bühne bekommt in der Publikation die «erste einheimische Theaterpersönlichkeit von nationaler Bedeutung»: Oskar Eberle (1902–1956), Gründer der bis heute bestehenden Luzerner Spielleute und Erneuerer der geistlichen Spiele. Ansonsten ist die Ahnengalerie eher dürftig. Die Theaterlandschaft Zentralschweiz lebt vom Engagement vieler Einzelpersönlichkeiten, ihr Vermächtnis sind aber oft kollektiv erarbeitete Grossereignisse. Spannend sind heute vor allem die Kleinbühnen. Sei es das von Emil Steinberger gegründete Kleintheater, die Loge oder das inzwischen geschlossene Théâtre La Fourmi, aus der Not gegründet von zwei Profitänzern, die einen Intendantenwechsel am Luzerner Theater nicht überstanden hatten.

Und auch der Bereich Spoken Word darf sich nicht verstecken, wie der Aufsatz von Pirmin Bossart zeigt. Der Nidwaldner Verleger Matthias Burki (Der gesunde Menschenversand) hatte die Literaturform 1998 in Berlin entdeckt – und nach Luzern gebracht. Die Spoken-Word-Reihe «Barfood Poetry» war lange Zeit eine Institution.

Und dank dem seit 2014 bestehenden internationalen Festival Woerdz könnte die Zentralschweiz ihre Vormachtstellung im Bereich Spoken Word weiter ausbauen. Viele Nachwuchsslammer hat der Luzerner Humus zwar nicht hervorgebracht. Dafür aber den Humus bereitet, auf dem national erfolgreiche Autorengruppen wie Bern ist überall gedeihen könnten.

Schon wieder Geschichte?

Einziges Problem dieses weit in die Historie zurückgreifenden und grossartig bebilderten Bandes ist, dass er bereits bei seinem Erscheinen überholt wirkt: Die Kleintheater-Leitung wurde in der Zwischenzeit abgelöst, die Zukunftsdebatten über die Salle Modulable oder den bevorstehenden Intendantenwechsel am Luzerner Theater werden nur nebulös angedeutet. Und auch der Überblick über die freie Szene und deren Finanzierungsprobleme erscheint angesichts der kürzlich erfolgten Subventionserhöhung für den Südpol etwas anachronistisch. Eigentlich ein gutes Zeichen: Es bewegt sich immer etwas.
 

Julia Stephan

 

Bernd Isele (Hg.): Bühnenlandschaften. Theater in der Zentralschweiz. Pro Libro, 320 Seiten, Fr. 58.90.