Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

SACHBUCH: Wilhelm Tell – Held einer guten Story

Auf kurzweilige Art machen Michael Blatter und Valentin Groebner einen Streifzug durch die Geschichte von Wilhelm Tell. Dieser hat auch ausländische Wurzeln.
Wilhelm Tell, hier gespielt von Hanspeter Müller-Drossaart 2008 an den Tellspielen Altdorf, ist wohl ein internationales Produkt. (Bild: Keystone)

Wilhelm Tell, hier gespielt von Hanspeter Müller-Drossaart 2008 an den Tellspielen Altdorf, ist wohl ein internationales Produkt. (Bild: Keystone)

Rolf App

Keine Figur der Schweizer Geschichte hat eine derartige Strahlkraft entwickelt wie Wilhelm Tell. Michael Blatter, Stadtarchivar von Sursee, und Valentin Groeb­ner, Professor für Geschichte an der Universität Luzern, reisen auf ihren Spuren durch Raum und Zeit.

Mitte des 17. Jahrhunderts rufen die Luzerner Untertanen im Entlebuch und die Berner Untertanen im Emmental zur Rebellion gegen ihre Obrigkeiten auf. Als sich eine Delegation des Luzerner Rats im Februar 1653 nach Schüpfheim begibt, marschieren auf der Gegenseite zweitausend Personen auf, an prominenter Stelle drei Männer in historischen Kostümen, verkleidet als Werner Stauffacher, Arnold von Melchtal und Wilhelm Tell.

Die ganze Nacht wird ein Wilhelm-Tell-Lied gesungen, und als der Aufstand dann zum Krieg eskaliert, tauchen die «Drei Tellen» unter. Im September lauern sie dem Luzerner Zeugherr und dem Schultheiss auf, der eine stirbt, der andere wird am Bein verletzt. Am Tag danach besuchen sie die Sonntagsmesse, präsentieren dort ihre Waffen und sagen, sie hätten «den Dellen schuss getan».

Grausiger Höhepunkt

Die Luzerner Obrigkeit greift hart durch. Die Frau eines der drei wird gefoltert, zwei von ihnen in einer Scheune erschossen. Der Letzte wird in Luzern öffentlich hingerichtet, sein Kopf wird auf dem Stadttor aufgespiesst und zur Schau gestellt. Es ist ein besonders grausiger Höhepunkt der Tellen-Geschichte.

Dieser Geschichte folgen Blatter und Groebner mit Spürsinn und Ironie. «Wilhelm Tell ist kein Freiheitskämpfer», stellen sie im Prolog ihres Buches fest. «Er ist kein Gründervater, Attentäter oder Revolutionär.» Nein, Tell ist vielmehr «die griffige Figur einer guten Geschichte. Ein Agent, ständig unterwegs, in wechselnden Verkleidungen – im Auftrag derjenigen, die seine Geschichte erzählen.»

Unterwalden ist in Not

Das fängt schon dort an, wo Wilhelm Tell als kleine Randgeschichte ein erstes Mal auftaucht und wo er noch einfach «Tall» heisst: Im Weissen Buch von Sarnen, angelegt um 1470 vom Unterwaldner Landschreiber Hans Schriber. Es soll die Rechtsansprüche Unterwaldens gegenüber dem Kaiser dokumentieren. Das Land ist arm dran, im Unterschied zu Uri und Schwyz fehlen ihm Urkunden, um gegenüber den klagenden Habsburgern seine Reichsfreiheit zu belegen. So kommen die Helden des Rütlischwurs und Tell in einer Kanzlei zur Welt.

Dabei greift Schriber auf Geschichten über böse Vögte zurück, die in ganz Europa kursieren, und importiert aus Dänemark die Erzählung vom Meisterschützen, der den Apfel vom Kopf des eigenen Kindes schiessen muss, und dann dafür Rache nimmt. Möglicherweise ist sie aus dem Iran dorthin gelangt, wo ab 1177 die Geschichte eines Königs die Runde macht, der vom Kopf eines geliebten Sklaven eine Münze schiesst.

«Fliegende Teppiche»

Das klingt märchenhaft. Aber, meinen Blatter und Groebner: «Gute Geschichten sind fliegende Teppiche, die grosse Entfernungen überwinden können.» Das gilt auch für den zum Schweizer mutierten Tell, dessen Taten in den Chroniken ausgeschmückt werden, der einen Vornamen bekommt und an der Wende zum 16. Jahrhundert vom Tyrannenmörder zum Gründervater mutiert, zur Verkörperung jener Freiheit, in deren Namen die Luzerner Landbevölkerung 1653 rebelliert.

Die Zweischneidigkeit nützt ihrer weiteren Karriere. Tell wird zum Exportgut. Im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg feiern ihn unzählige Lieder, Gemälde, Theaterstücke und Opern, und im revolutionären Paris beschliesst 1793 der Konvent, Antoine-Marin Lemierres Tragödie «Guillaume Tell» dreimal pro Woche aufführen zu lassen.

1801 wandert der deutsche Dichter Johann Gottfried Seume von Sachsen nach Sizilien. «Auf den Bergrücken zwischen den Seen», schreibt er, «steht die bekannte Kapelle Tells mit der schönen Poesie. Alles ist sehr gut und patriotisch. Aber ich fürchte, nicht sehr wahr.»

Michael Blatter/Valentin Groebner: Wilhelm Tell, Import-Export. Hier und Jetzt, 150 Seiten, Fr. 29.–.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.