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SALMAN RUSHDIE: Dem Wahnsinn abgelauscht

Der neue Roman «Golden House» ist gerade in sieben Ländern gleichzeitig erschienen und bereits sehr umstritten. Dass der Autor Zeitgeschichte einzuholen versucht, ist nicht unproblematisch.
Bernadette Conrad
Autor Salman Rushdie häuft in «Golden House» zahlreiche Bezüge und Anspielungen aufeinander. (Bild: Jl Cereijido/EPA)

Autor Salman Rushdie häuft in «Golden House» zahlreiche Bezüge und Anspielungen aufeinander. (Bild: Jl Cereijido/EPA)

Bernadette Conrad

Nero Julius Golden kommt nach New York, als Barak Obama Präsident wird. Zusammen mit seinen drei erwachsenen Söhnen lässt sich der schwerreiche Mann mit der geheimnisvollen Vergangenheit in Manhattan nieder und weigert sich, den Namen seines Herkunftslandes je wieder auszusprechen. Während die Söhne auf ganz verschiedene Art gebrochene Figuren sind, verschafft sich der zum Grössenwahn begabte Nero einen Platz im Setting der Stadt – und an der Seite einer jungen russischen Schönheit, die ihn wie eine Baba Jaga bald verhext und die Herrschaft im Haus übernimmt.

Salman Rushdie lässt in seinem neuen Roman «Golden House» die Genres einander durchkreuzen: Märchenstrukturen finden sich ebenso wie die unheimliche Dynamik eines Thrillers, der seine Konstruktion erst am Ende offenbart. Erzählt wird der Roman ausserdem über weite Strecken im Modus eines Drehbuchs – denn der Ich-Erzähler ist ein junger Mann aus der Nachbarschaft, der von dem Familienkrimi regelrecht besessen ist und sich alle Details, die er heraus­findet, in einem imaginären Film vorstellt. Doch wie erzählt man in «postfaktischen Zeiten»?

Beeindruckend, aber auch ermüdend

«Wahrheit ist so was von zwanzigstem Jahrhundert. Die Frage ist doch, bekomme ich dich so weit, dass du die Info glaubst … damit sie so gut wie wahr klingt ... Es gibt eine Menge falscher Zitate im Internet. Vielleicht sollten wir das mit den Dokumentarfilmen vergessen ... Vielleicht ist der Spottumentarfilm die Kunstform unserer Zeit.»

Rushdies Roman ist angetrieben von dem – für amerikanische Autoren nicht untypischen – Versuch, vom alten, entlegenen Bildungsgut bis zu den aktuellsten politischen Trends alles in sein Buch hineinzuholen. In gewohnt opulenter Manier häuft er Bezüge und Anspielungen übereinander. Das ist beeindruckend, aber auch ermüdend. Vor allem stapelt er in dieser Familiengeschichte Tragik: Geisteskrankheit, Intrigen, Sucht, Transsexualität, Sühnemord, Selbstmord. Während sich das Golden’sche Familiendrama zur Tragödie zuspitzt, betritt eine gefährliche Figur die politische Bühne: «Er war vollkommen und nachweisbar geisteskrank … die richtige Person, um die nuklearen Codes in Händen zu halten, war der grünhaarige weisshäutige Kicherer mit dem aufgeschlitzten Mund, der ein militärisches Beraterteam viermal fragte, warum der Einsatz von Nuklearwaffen so schlimm sei.»

Die Entmachtung von faktischer Wahrheit

«Golden House» ist dem Wahnsinn unserer Zeit abgelauscht, die nicht nur schnell dreht, sondern längst überdreht. Wenn der dank Digitalisierung und Internet maximal weit gehende Zugang zu Wissen auf die Entmachtung von faktischer Wahrheit hinausläuft – dann ist Absurdität erreicht. Dieser politischen und gesellschaftlichen Dynamik, die ihn tief beunruhigt, ist Salman Rushdie mit seinem Roman auf der Spur. Die Frage ist nur: Wird er nicht selbst ein Opfer des Beschleunigungswahnsinns, wenn er es darauf anlegt, Ereignisse desselben Jahres, in dem sein Buch erscheint, darin zu thematisieren? Wenn dieser Ehrgeiz – oder auch Grössenwahn – ebenso für die Literatur leitend wird, dann kann eben bestenfalls ein glänzendes und funkelndes Erzählfeuerwerk entstehen, eine beeindruckende Erzähloberfläche – aber keine auch dank Komplexität spannende Literatur.

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