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Salman Rushdie schickt in seinem neuen Roman einen Don Quichotte durch die USA

Gut 400 Jahre nach Cervantes schreibt Salman Rushdie eine Hommage an den legendären Don Quichotte: Die verrückte Reise des indischstämmigen Ismael Smile alias Quichotte zeigt ein grimmiges Bild der Vereinigten Staaten. Das postmoderne Märchen ist genial konstruiert.
Hansruedi Kugler
Salman Rushdie. (Bild: imago)

Salman Rushdie. (Bild: imago)

Gegen amerikanische Windmühlen reitet dieser Ritter von der traurigen Gestalt nicht. Der indischstämmige Ismael Smile, der sich Quichotte nennt, muss sich mit seinen wirren Liebesfantasien gegen Rassisten wehren, die in allen Südasiaten islamistische Terroristen wittern. Er wird in die aktuelle hässliche Opioid-Drogenkrise der USA verwickelt, kriegt es mit Cyberspionen zu tun und mit einem durchgeknallten Weltretter, in dem man unschwer den Weltraumeroberer und Tesla-Gründer Elon Musk erkennt.

Salman Rushdie versetzt die legendäre Cervantes-Figur über 400 Jahre in die heutigen USA und zeichnet ein grimmiges Bild des Landes. Eine Dulcinea hat sich der 70-jährige Smile auch in den Kopf gesetzt: Sie heisst Salma, ist eine Königin der TV-Talkshows und ist wie Smile in Bombay geboren – wie fast alle Figuren in diesem Roman. Mit deren indischer Abstammung ist immer auch eine zerrissene Familiengeschichte verbunden.

Einer der letzten grossen Autoren der Postmoderne

In seinem alten Chevy Cruze klappert Smile als Handelsreisender für pharmazeutische Produkte seines mafiösen Cousins die Provinzstädte ab. Einen festen Wohnsitz hat er nicht mehr, in den Motels glotzt er Trash-TV, verwechselt bald die Realitäten und beschliesst eine letzte Reise quer durch die USA nach New York, zu Salma. Die sieht in seinen Briefen aber zunächst bloss einen Stalker. Nun ist Rushdie kein Autor einsträngiger Romane, sondern ein Meister der Verschachtelung und Verdoppelung, des lässigen Durcheinanderwirbelns von Tradition und Popkultur und des munteren Zitierens (ein ganzes Kapitel hat er Ionescos «Nashörner» nachgeschrieben). Auch in seinem neuen Roman wird es einem gelegentlich schwindlig angesichts dieses Feuerwerks an Parodie, Satire und beissen- der Gegenwartskritik, von sprechenden Grillen, menschlichen Mammuts und dem märchenhaft sich aus Sternschnuppenwünschen materialisierenden Sohn «Sancho». Kurz: Rush- die ist ein Ironiker und einer der grossen Postmodernen in der Literatur.

Zwischen Ironie und euphorischem Kunstzauber

Dazu gehört auch die Selbstbezüglichkeit der Literatur. Folgerichtig also, dass er in «Quichotte» den Schriftsteller DuChamp einbaut, der die Geschichte dieses Quichotte erfindet – mit einer ähnlichen Biografie wie seine Figur Smile. Wie Salman Rushdie im Laufe des Romans diese beiden Textebenen zusammenfügt, indem er in motivischer Kleinarbeit die beiden Stränge zu einem verbindet, ist schlicht genial. Rushdie wechselt erzählerisch zwischen Ironie («Es gab Momente, da meinte er, die ganze Welt sei ein Echo auf das Buch, das er gerade schreibe») und euphorischem Kunstzauber («Das Buch hatte es von Anfang an besser gewusst»). DuChamps Erfindung des US-Quichotte, der mit rührendem Irrsinn seiner Salma entgegenfährt, hat viel mit dessen eigenen Unbewussten zu tun. In sieben Etappen lässt DuChamp Quichotte den Verstand ablegen und am Ende erkennen, dass auch Königinnen schwache Menschen sind. Quichotte als fiktiver Doppelgänger bringt prophetisch DuChamps eigenen Verrat, den Verlust seines Sohnes und Geschwisterschuld auf bewegende Weise zur Versöhnung. Das Buch ist also klüger als sein Autor – ein origineller Topos der Postmoderne.

Fast hätte der Roman den Bookerpreis gewonnen

Die englischsprachige Literaturkritik war über diese verrückte Hommage an Cervantes entzückt. Eine Nomination für den Bookerpreis folgte. Auch in der deutschen Übersetzung ist dieser Roman eine Wundertüte. Da ist Familien-, Migranten- und Weltschmerz vereint mit parodistischem Vergnügen. Man schüttelt beim überbordenden Fabulieren und detailversessenen Ausschmücken ein paar Mal den Kopf und zerdrückt dann im zweiten Teil Tränen. Rushdies Helden werden zu Liebes- und Todesengeln und man folgt staunend seinen groteskesten Ausflügen in die Genres der Spionage, Melodramen und Science-Fiction. Wer geduldig diesem Trip folgt, wird literarisch reich belohnt.

Salman Rushdie Quichotte. Roman, C. Bertelsmann, 459 Seiten.

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