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Klub der jungen Dichter:
Der Junge auf dem Baum

Salome Mohr aus Wirzweli erzählt im "Klub der jungen Dichter", wie ein Knabe ein traumatisches Erlebnis zu verarbeiten versucht.
Salome Mohr

Schwarz. Alles, was ich sah, war schwarz. Schwarze Schuhe, Hosen und Mäntel. Die Hand meines Vaters lag auf meinem Kopf. Schüchtern blickte ich zu ihm hoch, aber sein Blick war starr nach vorne gerichtet. In seinen Augen sah ich eine Leere, die ich so noch nie zuvor gesehen hatte. Ich senkte meinen Blick wieder zu Boden und versank in Gedanken.

Salome Mohr, Wirzweli, 3. Lehrjahr

Salome Mohr, Wirzweli, 3. Lehrjahr

Als wir wieder zu Hause waren, war ich froh, dass ich endlich die unbequemen Schuhe ausziehen durfte, die ich heute tragen musste. Schwarze Lackschuhe. Aber zum Glück hat Mutter gesagt, dass ich sie nie wieder tragen müsse.

Ich blickte aus dem Fenster. Die Sonne schien und liess den Brunnen vor unserem Haus glitzern. Ich sah meinen Vater, wie er meiner Grossmutter dabei half, aus der Kutsche zu steigen. Dabei verscheuchte er wütend die Hühner, die sich auf dem Platz tummelten. Meine Grossmutter ging ins Haus. Sie lief gebückt und zitterte am ganzen Körper. Ihr altes von der Zeit gezeichnetes Gesicht war voller Trauer. Mein Vater öffnete derweilen das grosse rot-weisse Scheunentor und führte die Pferde mitsamt der Kutsche hinein.

Als er in der Scheune verschwunden war, ging ich hinaus auf den Hof. Ich lief über den Platz und verscheuchte abermals die Hühner.

Etwas abseits von unserem Hof stand ein grosser alter Baum. Wenn man etwas genauer hinsah, konnte man durch die Blätter einen kleinen Jungen erkennen, der auf einem Ast sass. Es war mein Bruder Jakob. Ich ging zu ihm hin und setzte mich unter den Baum. Jakob lachte und kletterte von einem Ast zum anderen. Wie gerne wäre ich auch zu ihm hochgeklettert. Doch ich erreichte nur knapp die unteren Äste, und ich hatte zu wenig Kraft, um mich daran hochzuziehen. Obwohl Jakob kleiner war als ich, konnte er problemlos in die hohe Baumkrone hinaufklettern. Was mir heute noch ein Rätsel ist.

Jakob und ich spielten den ganzen Nachmittag. Als es schon langsam dämmerte, hörte ich plötzlich lautes Poltern hinter mir. Mein Vater kam mit schnellen Schritten auf den Baum zugelaufen. In der Hand hielt er eine Axt. Die Ärmel seines Hemdes waren hochgekrempelt. «Jetzt reicht es mir! Ich halte es verdammt noch mal nicht mehr aus!», schrie er wütend und schluchzend. Er stiess mich beiseite und fing an voller Wut mit der Axt auf den Baum einzuschlagen. Ich war entsetzt! «Nein, Vater, hör auf! Jakob sitzt doch noch auf dem Baum!» Doch er hörte mich nicht. Immer und immer wieder schlug er blind vor Wut und mit voller Kraft auf den Baumstamm ein. Tränen liefen ihm über die Wangen. Ich packte sein Hemd und versuchte ihn mit aller Kraft wegzuzerren. Doch alles Schlagen, Zerren und Schreien half nichts.

Meine Mutter kam herbeigeeilt. Mit der einen Hand hielt sie ihr Kleid fest, mit der anderen wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht. Sie weinte fürchterlich und riss mich weg von meinem Vater, vom Baum und von Jakob. Ich wehrte mich mit Händen und Füssen. «Aber Mutter, Jakob ist doch noch auf dem Baum! Er wird hinunterfallen!» Meine Mutter packte mich mit beiden Händen an den Schultern, schaute mir in die Augen und wimmerte leise: «Jakob ist tot! Er ist von diesem Baum gefallen und gestorben. Heute Morgen war seine Beerdigung.»

Entscheidet mit, wer den Spezialpreis gewinnt

Nicht weniger als 5123 Geschichten sind für den «Klub der jungen Dichter» 2018 eingegangen. Zur Auswahl standen das Thema «Feuer und Flamme» sowie ein Textanfang. Wir publizieren die Texte in der Print- sowie in der Onlineausgabe unserer Zeitung. Neu ist, dass ihr, liebe Leserinnen und Leser, mitvoten können. Wir vergeben nämlich einen Publikumspreis für den Text, der auf unserer Homepage am meisten angeklickt worden ist. Hat euch also ein Text gefallen, könnt ihr ihn auch etwa via Facebook weiterempfehlen und so die Klickzahlen noch erhöhen.

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