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Kunst: Olaf Nicolai hat 20 Tonnen Sand in die St.Galler Lokremise verfrachtet

Mit der begehbaren Installation schafft der bekannte deutsche Künstler einen utopischen Ort, der sich ebenso auf dem Mond wie in der Wüste befinden könnte. Ein Meteorit leitet den Besuchern den Weg.
Christina Genova
Olaf Nicolai regt in der Lokremise zum Nachdenken über reale und imaginäre Landschaften ein. (Bild: Ralph Ribi (St. Gallen, 6. Juli 2018))

Olaf Nicolai regt in der Lokremise zum Nachdenken über reale und imaginäre Landschaften ein. (Bild: Ralph Ribi (St. Gallen, 6. Juli 2018))

20 Tonnen Rheinsand. So viel, wie die Statik der Lokremise St. Gallen gerade noch erlaubt. Der ganze Boden der Kunstzone ist mit Sandhügeln bedeckt. Olaf Nicolai, mehrfach an der Documenta und an der Biennale von Venedig vertreten, hat in der Kunstzone eine aussergewöhnliche Arbeit realisiert. Ein Wegnetz durchzieht den abgedunkelten Raum, ab und an ist ein Krater zu sehen. Zwei Wände sind mit Nachtleuchtfarbe bemalt. Bestrahlt mit ultraviolettem Licht scheinen sie zu schweben. Die Besucher hinterlassen Spuren im Sand, das UV-Licht wirft ihre Schatten als flüchtige Selbstporträts auf der Wand. Mit wenigen Ingredienzien wird die Kunstzone zu einem Ort ausserhalb von Raum und Zeit.

Wüstensand oder Mondlandschaft

Damit dies gelingt und das Ganze nicht wie ein riesiger, abgespacter Sandkasten wirkt, vertraut Olaf Nicolai ganz auf die Imaginationskraft der Betrachter, auf die Assoziationen, die sie mit bestimmten Landschaften verbinden: «Ich möchte, dass die Leute den eigenen Erfahrungen Vertrauen schenken», sagt 56- Jährige, der im ostdeutschen Chemnitz aufgewachsen ist. Er legt ihnen verschiedene Fährten aus. Die erste ist der Titel der Ausstellung: «That´s a God-forsaken place; but it´s beautiful, isn’t it?» (Das ist ein gottverlassener Ort; aber er ist schön, nicht wahr?) Das sagte Astronaut Charles «Pete» Conrad Jr. am 18.11.1969 während seines Aufenthalts auf dem Mond. Die mit der ersten Mondlandung verbundenen Verschwörungstheorien, die behaupten, alles sei nur eine Inszenierung, Kulisse gewesen, blitzen auf.

80 Mal Sand und Steine: Die Fotoserie zeigt die Landschaft um den Aussichtspunkt «Zabriskie Point» in der kalifornischen Wüste. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone)

80 Mal Sand und Steine: Die Fotoserie zeigt die Landschaft um den Aussichtspunkt «Zabriskie Point» in der kalifornischen Wüste. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone)

Die zweite Fährte ist eine 80-teilige Fotoserie, die im Entree zur Ausstellung zu sehen ist. 80 Mal Sand und Steine in grellem Blitzlicht – Bilder, die ebenso gut auf dem Mond oder in der Kiesgrube vor der Haustüre hätten entstanden sein können. Doch für einen Cinephilen sind sie versehen mit dem Titel «Zabriskie Point» untrennbar mit den Filmsequenzen aus Michelangelo Antonionis gleichnamigen Kultfilm von 1970 verbunden: Darin tollen Mark und Daria durch den Sand, rauchen einen Joint, lieben sich. Die Bewusstseinserweiterung durch die Droge bewirkt, dass sie sich bald schon von dutzenden weiteren Pärchen umgeben wähnen. Auch die Felsen erwachen scheinbar zum Leben. Die Wüste wird zum Ort der Möglichkeiten, der Grenzerfahrung, des Kontrollverlusts.

Der Zabriskie Point ist nur nachts ein gottverlassener Ort. «Tagsüber geht es dort zu und her wie vor dem Eiffelturm», sagt Olaf Nicolai. Vor zehn Jahren war er an diesem Aussichtspunkt im Death Valley in der Mojave-Wüste. Nicht wie die anderen Touristen wegen der bizarren Erosionslandschaft, sondern wegen des Films. Während eines nächtlichen Spaziergangs «blitzte» sich der Künstler mangels Lichts den Weg mit seinem alten Mobiltelefon. Die Fotoserie entstand als Nebenprodukt.

Foucaults LSD-Trip in der Wüste

Fünf Jahre nach Antonionis Film unternahm der französische Philosoph Michel Foucault am selben Ort ebenfalls den Versuch, seine Wahrnehmung zu verändern. Diesmal mit LSD, das er dort mit seinem Assistenten Simeon Wade und dem Musiker Michael Stoneman erstmals einnahm. Der Trip in der eindrücklichen Wüstenlandschaft, begleitet von melancholischer Musik – Stockhausen, Chopin, Strauss-Lieder – habe Foucaults Denken für immer verändert, ist Wade überzeugt. Ausschnitte aus Wades unpubliziertem Bericht über Foucaults Aufenthalt am Zabriskie Point sind in einer Vitrine ausgelegt. Gemäss einer Vorgabe des Verlags, der den Text 2019 publizieren wird, durften nur 250 Wörter abgedruckt werden, die Hälfte des Texts ist deshalb verschwommen und unleserlich: Ein Lesetrip der besonderen Art.

Beim Eingang zur Kunstzone werden weder Joints noch LSD abgegeben. Dafür darf ein handgrosser Meteorit in die Ausstellung mitgenommen werden. Es ist ein Bruchstück eines grösseren Objekts, das 1947 über Ost­sibirien flog, in mehrere tausend Stücke zerbrach, und eine Spur von über 120 Kratern hinterliess. Es eröffnet Räume, die sich jeder irdischen Erfahrung von Landschaft entziehen.

Hinweis

Bis 11.11. Filmvorführungen Zabriskie Point im Kinok, Cinema in der Lokremise: 29.8., 20.30 Uhr + 28.9., 13 Uhr. Eine weitere Arbeit von Olaf Nicolai ist im Kunstmuseum zu sehen.
Parallel zur Schau Olaf Nicolais in St.Gallen laufen Ausstellungen in der Kunsthalle Bielefeld (bis 9.9.18) und in der Kunsthalle Wien (13.7.–7.10.18). Für den Herbst ist ein gemeinsamer Katalog der drei Institutionen geplant.

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