Junge Schweizer Literatur mit Humor und psychischen Abgründen: Sansibar oder der letzte Dreck

Nach dem Schelmenroman «Hier können Sie im Kreis gehen» um einen vorgespielten Dementen reist der Schweizer Autor Frédéric Zwicker mit dem Roman «Radost» nach Sansibar und Kroatien – inklusive Galgenhumor und in psychische Abgründe.

Bettina Kugler
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Frédéric Zwicker, am See in seiner Heimatstadt Rapperswil.

Frédéric Zwicker, am See in seiner Heimatstadt Rapperswil.

Bild: PD

Soll das ein Witz sein? Da sitzt ein junger Mann in seinen besten Jahren auf Sansibar, angeödet, unzufrieden, perspektivlos. Er trinkt warmes Kilimanjaro-Bier und lässt sich Witze erzählen – von einem Narren im Massaikostüm, der ihm so zufällig über den Weg gelaufen ist wie die Gelegenheit zur Traumreise. Wenig später liegt der falsche Massai reglos am Boden, und Fabian, so heisst der abgelöschte Erzähler, wird diesen Max aus Lachen noch gründlich kennen lernen. Zwei Schweizer im Paradies: mit ihnen stürzt sich Frédéric Zwicker ins Abenteuer seines zweiten Romans. Zwicker ist nicht der erste, der dabei Umwege gegangen und in Sackgassen geraten ist. Wer die Dankesworte am Ende überfliegt, erfährt, dass ihn «Radost» viel Ausdauer und Nerven gekostet hat.

Frédéric Zwicker - Radost

Frédéric Zwicker - Radost

Zvg / Aargauer Zeitung

Der manisch-depressive Freund und sein Biograf

Die überarbeitete Version liest sich nun flüssig und sehr unterhaltsam, zuweilen fast zu süffig. Dabei geht es um psychische Zerbrechlichkeit, um den Wahnsinn des Lebens im weitesten und engsten Sinne. Das weiss Fabian noch nicht, als er auf Sansibar bissig andere Europäer taxiert: «Die Touristen waren meist ältere Semester, mehr Frauen als Männer, die ihre welkenden weissen Glieder mit einer schwarzen Jünglingskur zu behandeln trachteten. Und die jüngeren Rucksacktouristen waren ein primitiver Haufen von stumpfsinnigen Angebern, die immer dann in den Gemeinschaftsduschen vögelten, wenn ich gerade duschen wollte.»

Vier Jahre sind vergangen seit Zwickers Erfolgsdebüt «Hier können Sie im Kreis gehen» über einen vorgeblich dementen Neunzigjährigen, der sich in ein Altenheim begibt – wo er dann ziemlich klarsichtig die absurden Zustände registriert. Nach so engen Kreisen sollte es ein Buch sein, das in die Ferne schweift. Warum nicht nach Sansibar? Reiner Zufall, dass auch Matthias Politycki mit «Das kann uns keiner nehmen» gerade einen Roman herausgebracht hat, der dort spielt, und auch bei ihm geht es um Leben und Tod und um die Freundschaft zwischen zwei sehr verschiedenen Männern.

Fabian wird noch ein zweites Mal nach Ostafrika reisen; dann als privater Biograf des Mannes, der so gern Witze erzählt – wenn er zwischen manischen und depressiven Phasen bei klarem Verstand ist. Doch in seiner Erinnerung klaffen Lücken. Mag Fabian Jacobi (seinen Namen hat er, leicht abgeändert, von Erich Kästners Romanheld Dr. Jakob Fabian) ein mässig talentierter, lustloser Lokaljournalist sein, neugierig ist er immerhin.

Als er den Job verliert, verlässt Fabian die Komfortzone, kauft ein Tourenvelo und folgt den Lebenswegen und verschütteten Erinnerungen des neuen Freundes in Richtung Balkan. «Radost», was auf Kroatisch Freude heisst, hält als Roadtrip sein Versprechen: Fabian wird auf der Strasse und in Kroatien sich selber näherkommen, ein anderer werden als vorher. Sogar sein Verhältnis zum Vater bessert sich merklich. Auf dem Balkan aber verliert der Text an Tempo, Fabian gönnt sich zu viele Verschnaufpausen mit reisejournalistischen Notizen und Betrachtungen. Eine Liebesgeschichte darf nicht fehlen. In seinen manchmal ziemlich gewagten Wortpirouetten bleibt er sich treu. Am Ende kann er auch über platte Witze lachen – weil er die Abgründe darunter kennt.

Frédéric Zwicker: Radost. Roman. Zytglogge, 286 Seiten.