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Theater über Architekt Adolf Loos: Scharfsinn im Kirchenraum

Eine schlichte Inszenierung mit grosser Wirkung: Die «Compagnie un tour de Suisse» macht uns in der Johanneskirche mit dem provokanten Wiener Architekten Adolf Loos (1870-1933) bekannt.
Pirmin Bossart
Anna Hohler (links) und Hélène Cattin performen in der Johanneskirche Texte des Wiener Architekten Adolf Loos. (Bild: Pius Amrein, 8. Juni 2018)

Anna Hohler (links) und Hélène Cattin performen in der Johanneskirche Texte des Wiener Architekten Adolf Loos. (Bild: Pius Amrein, 8. Juni 2018)

Ein Velo steht in der Kirche. Der kurze Gedanke: Steht das vielleicht immer hier? Als volksnahes Zeichen für eine zeitgemässe Kirche? Das schwere Objekt daneben ist schon eher raumkonform. Ein Flügel. Darauf wird später Schönberg gespielt. Noch steht das Publikum erwartungsvoll herum. Zwei Männer tauchen auf, im edlen Gewand der Jahrhundertwende. Wir erkennen ihn sofort, er schaut den Fotos verblüffend ähnlich. Adolf Loos, Architekt. Und mit ihm sein Freund und Weggefährte, Karl Kraus.

Kommt, winken die beiden. Die kleine Publikumsschar schreitet mit. Adolf Loos wirkt seltsam demütig. Neigt sein Haupt, blickt liebevoll entrückt, gibt einzelnen Leuten die Hand, ein Abschied naht. Auf einer Betonmauer im Kirchenraum bettet er sich zur letzten Ruhe. Sein Begleiter legt ihm eine rote Blume auf die Brust. Dann setzt er an zur Grabrede. Sie klingt ziemlich schwülstig, aber macht klar, dass hier einer ging, den man nicht so bald vergessen würde. «Denn dem Zukünftigen warst Du unsterblich verbunden, ihm hast Du das Leben vorbereitet, gereinigt und wohnbar gemacht.»

Eine Absage an die Selbstinszenierer

Die Auseinandersetzung mit Architektur ist das Thema der «Compagnie on tour de Suisse», die vor fünf Jahren ihre erste, viel gerühmte Produktion mit Texten von Peter Zumthor realisiert und auch in Luzern gezeigt hatte. Nun macht sie uns im Stück «La Transformation» / «Umbau» mit der provozierenden Gedankenwelt des Wiener Architekten Adolf Loos (1870-1933) bekannt, einem der wichtigsten Vorreiter der Moderne.

Seine Abrechnung mit dem Ornamentalen in der Architektur ist unerbittlich, ebenso sein Blick auf die eigene Zunft. Seine Überlegungen inspirieren noch heute, sein Spott für Selbstinszenierer unter den Raumschaffenden hat nichts an Bedeutung verloren.

Für Loos sollte sich der Architekt ganz in den Dienst der Gemeinschaft stellen: Dem Funktionalen und auch der wohnlichen Behaglichkeit Genüge tun, statt die eigene Einzigartigkeit zeigen. Pointiert seziert Loos die Unterschiede zwischen Architektur und Kunst, die auch in der Aufführung einen wichtigen Platz einnehmen. «Das Kunstwerk wird in die Welt gesetzt, ohne dass ein Bedürfnis dafür vorhanden wäre. Das Haus deckt ein Bedürfnis. Der Künstler ist niemandem verantwortlich, der Architekt einem jeden.» Nur ein ganz kleiner Teil der Architektur gehöre der Kunst an, meinte Loos einmal. «Das Grabmal und das Denkmal.»

Es ist ein feinsinniges Kammerspiel, mit dem uns die beiden Exponenten Loos und Kraus eine gute Stunde in Beschlag nehmen. Die Inszenierung im verwinkelten Betongewölbe der Johanneskirche hat den tollen Nebeneffekt, dass man im Mitgehen des Stücks den Blick schweifen lassen und die eigenwillige Architektur von Walter M. Förderer entdecken kann. Gedanken aus dem letzten Jahrhundert verschmelzen mit Eindrücken der Gegenwart, vermeintliche Gewissheiten aus dem Heute relativieren sich in der Spiegelung von Überlegungen aus einer anderen Zeit.

Wechselnde Schauplätze im Kirchenraum

Hélène Cattin und Anna Hohler haben das Stück nicht nur im Alleingang entworfen und inszeniert, sie performen es auch selber. Die Textlastigkeit wird gemildert, indem neben zeitkritischen Thesen und ein paar sarkastischen Höhenflügen auch handfeste Geschichten und Anekdoten aus dem Leben von Loos aufbereitet werden, die das Publikum an wechselnden Schauplätzen im Kirchenraum erlebt. Der gezielte Einsatz von Licht und Musik (Schönberg, Schumann «Kinderszenen», Chopin «Marche funèbre») trägt zur besonderen Stimmung dieser Inszenierung bei.

Auch der Reiz des Androgynen

Zum Reiz des Stücks gehört, dass die beiden Männer von zwei Frauen gespielt werden. Perfekt eingekleidet und verwandelt (Kostüme: Eléonore Cassaigneau, Maske: Sonia Geneux), durchscheint sie dennoch die Aura des Androgynen. Ihr Spiel ist dezent und hat oft etwas Graziöses, gleichzeitig ist die Inszenierung auf das Wesentliche reduziert: Text und Raum. Und auf ein Pot-au-feu, das gegen Ende des Stücks auf den Tisch kommt und mit Besuchern geteilt wird.

Loos war nicht nur ein Denker. Er hat immer wieder Leute von der Strasse zum Essen eingeladen. Auch dieses Stück ist Nahrung. Manchmal merkt es der Besucher erst später. Beim Verdauen.

Weitere Aufführungen 14. und 15 Juni, 19.30 Uhr, Johanneskirche, Schädrütistrasse 26, Luzern.

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