SCHAUSPIEL: Das Sehnsuchtskarussell steht still

Das Luzerner Theater zeigt«Romeo und Julia» ohne schmachtende Achs und Ohs. Eine körperliche Auseinandersetzung mit der berühmtesten Liebesgeschichte der Weltliteratur, in der die Liebe noch konsequenter in den Tod führt, als Shakespeare vorsieht.

Julia Stephan
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In der Welt von Romeo und Julia wurden der Sehnsucht die Flügel gestutzt. Das kaputte Jahrmarktkarussell von Johanna Pfau wird dafür zum Sinnbild. (Bild: Ingo Höhn/Luzerner Theater)

In der Welt von Romeo und Julia wurden der Sehnsucht die Flügel gestutzt. Das kaputte Jahrmarktkarussell von Johanna Pfau wird dafür zum Sinnbild. (Bild: Ingo Höhn/Luzerner Theater)

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Peng! Am Ende ist ihr Tod kein tragischer Irrtum mehr. Er ist gemeinsam beschlossene Sache. Gemeinsam drücken sich Romeo und Julia den Pistolenschaft an den Kopf. Gemeinsam rezitieren sie die letzten Worte, die Shake­speare ihnen ursprünglich mal einzeln in den Mund gelegt hat. Die Schüsse fallen synchron. Wen der Liebespfeil so direkt ins Herz getroffen hat, der überwindet, wenn nötig, auch die Schwelle zum Tod: «Was Liebe tun kann, will Liebe stets auch wagen.»

Die junge Regisseurin Nina Mattenklotz befreit die berühmteste Liebesgeschichte der Weltliteratur am Luzerner Theater von jeglichem Liebesfirlefanz. Aus der tragischen Schlussszene, in der die Liebenden aus tödlichem Irrtum nacheinander aus dem Leben scheiden, wird ein Postulat für die Macht der Wahl in einer Welt, in der Macht lediglich zur Befriedigung eigener Bedürfnisse missbraucht wird.

Keine Anmut, nur abgestumpfte Körper

Und auch sonst ist an dieser Inszenierung, die bis auf den Schluss dem über 400 Jahre alten Originaltext beinahe unbeschnitten folgt, alles direkter, roher und ehrlicher. Die Figuren besitzen keine Anmut, sie sind laut und schrill, und sie spüren weder sich selbst noch den Rest der Welt.

Anmut besitzen lediglich die beiden Liebenden selbst. Und das trotz des wenig anmutigen Äusseren. Jakob Leo Starks Romeo hat einen schwerfälligen Körper, der im Laufe des Abends mehr und mehr das Fliegen lernt. Die blond gelockte Julia (Sofia Elena Borsani), ein Naturkind, geht barfuss, mit mädchenhaftem Rundkragen, aber mit festem Schritt ihre eigenen Wege.

Mattenklotz, die psychologisches Hochschulwissen mitbringt, entwirft vor einem maroden Jahrmarktkarussell in Originalgrösse (Johanna Pfau) eine kaputte, zerstrittene Gesellschaft, die bis auf die zwei Liebenden unfähig ist, sich in andere Realitäten zu träumen. Der Sehnsucht wurden die Flügel gestutzt. Die Karussellsitze hängen erlahmt an ihren Ketten.

Rohe Liebe, roher Hass

Auf sublimere Liebesbotschaften hoffende Zuschauer werden enttäuscht sein von dieser Bühnensprache, die Sex und Gewalt explizit miteinander kopulieren lässt. Mattenklotz interessiert sich gar nicht erst für gesellschaftliche Konventionen. Sie sucht nach dem Triebhaften unter der Oberfläche, nach roher Liebe und rohem Hass. Geschrien und geheult wird, dass Spucke und Rotze fliegen. Und Romeo und Julia entledigen sich ihrer Klamotten bereits vor dem Traualtar, hinter dem Pater Lorenzo (Yves Wüthrich) als klerikale Karikatur seinen Segen gibt.

Es ist eine Kommunikation, die rein über den Körper funktioniert. Und diese Körper verletzen Grenzen über alle Geschlechterkonstellationen hinweg. Julias Amme (Stefanie Rösner) geilt sich an den amourösen Abenteuern ihrer Herrin auf, Julias Mutter (Wiebke Kayser) ist keine liebende, sondern eine sexuell übergriffige Mutter, die ihrer Tochter ein Heiratsangebot mit dem widersprüchlichen Signal eines Zungenkusses schmackhaft macht. Vater Capulet (Adrian Furrer) verkauft autoritär und gefühlsblind seine einzige Tochter an Prinz Paris. Eine Partie, von der ihn sein Gefühl nicht überzeugt. Samuel Braun macht aus dem anständigen, aber blassen Prinzen des Originalstücks einen nervösen, ätherischen Jüngling, der beim Kriechgang vor dem potenziellen Schwiegervater sein Rückgrat verliert.

Wutbürger und gefühlsarme Partygänger

Man kann, wie im Programmheft angedeutet, aus den miteinander zerstrittenen Familienangehörigen und Bediensteten die Wutbürger unserer Gegenwart erkennen. Genauso die ungebremste Lust am Nachtreten bestimmter politischer Klassen.

Zugleich sind diese Figuren aber auch die gelangweilten, Emotionen konsumierenden Partygänger heutiger Grossstädte, die am Maskenball von Julias Vater Capulet hinter Masken und in szenigen Pelzmänteln lustlos ihre seelenlosen Körper feiern. Der exzentrische Mercutio (Lukas Darnstädt), eine androgyne Erscheinung mit engen Hochglanzhosen und schwarzem Blazer über der nackten Brust, ist die überdrehteste Variante dieser Nachtgestalten. Gerade weil die Schatten in der Inszenierung so weit fallen, gewinnt die konsequente Liebe zwischen Romeo und Julia unter all den inkonsequenten Gestalten gegen Ende immer mehr an Leuchtkraft.

Zum psychedelischen Sound der Band Jon Hood (Joan Seiler, Mario Hänni, Martin Schenker) wird die Liebe zum Trip, der die Hauptdarsteller selbst in der Kälte des Bühnenbildes fliegen lässt. Die Zeilen aus dem Song «Touch» der französischen Band Daft Punk werden zum Motto der zwei Heimatlosen, die in der Liebe ihre Heimat finden: Als Romeo Julias Cousin Tybalt im Streit erschlägt, schreit Julia die Zeilen «Hold on, if love is the answer, you’re home!» wie ein Mantra herunter. Diese Liebenden wollen sich mit dieser Welt, in der Liebe und Vergebung verhöhnt werden, nicht abfinden. Und vielleicht liegt gerade darin der Brückenschlag zu unserer Gegenwart.

Hinweis
«Romeo und Julia» von William Shakespeare. Luzerner Theater. Nächste Vorstellung: So, 29. 1. Derniere: 7. 5. Infos und Tickets: www.luzernertheater.ch