«Fremder» - Das Autostück:  Schlaflos und lebensmüde durch die Nacht

Luzern wird zur Kulisse: Mit «Fremder» gelingt «Fetter Vetter» ein cooles Projekt und eine einmalige Theatererfahrung.

Regina Grüter
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Sie sind sich fremd und doch nah: Andrea (Antonia Meier) und Luc (Manuel Kühne).

Sie sind sich fremd und doch nah: Andrea (Antonia Meier) und Luc (Manuel Kühne).

Bild: Ingo Höhn/Luzerner Theater

Man steigt ins Auto eines wütenden Mannes. Luc (Manuel Kühne) scheisst auf alles. «Scheisskinderpatenschaften», flucht er und wirft einen Benzinkanister in den Kofferraum. «Für 50 Franken kann man sich das Gewissen reinwaschen.» Die drei Zuschauer sitzen zusammengepfercht und mucksmäuschenstill auf der hinteren Sitzreihe, und los geht die Theaterfahrt durchs nächtliche Luzern und in die Agglomeration. «Scheissweihnachtsbeleuchtung, elende Stromfresser.» Ein Mann und eine Frau kreuzen die Strasse. «Scheisspärchen.»

«Fremder» – das Autostück von «Fetter Vetter & Oma Hommage» ist die erste Zusammenarbeit zwischen dem freien Theaterkollektiv, aktiv seit 2015, und dem Luzerner Theater. Regie führte Damiàn Dlaboha («Die Menschenschau»), für die Dramaturgie zeichnet Béla Rothenbühler verantwortlich.

Blick über ­ die Lichterstadt

Erster Stopp: Tankstelle. Autowäsche. Da steht schon einer (Ist der jetzt absichtlich da?) – «Scheisswarten». Dann aber, gerade als es richtig laut wird, die Bürsten haben das Gefährt fest im Griff, nimmt Luc mit dem iPhone ein Video auf, wie er frei nach Kant über den ­Zusammenhang von Schlaf und Hoffnung nachdenkt. Er bricht in ein verrücktes Lachen aus, wie wahnsinnig seine Verzweiflung ist, sieht man in seinen ­Augen, im Rückspiegel. Schlaf- und hoffnungslos ist dieser Mann.

Kaum tritt Andrea (Antonia Meier, diese Saison im Ensemble des Luzerner Theaters) auf den Plan, ist die Stimmung gelöst. Sie steigt einfach so zu, auf dem Parkplatz, und die beiden scheinen vertraut, obwohl man nicht weiss, in welcher Beziehung sie zueinander stehen. Mit wunderschönem Blick über die Lichterstadt tanzen Luc und Andrea ausgelassen, eine Hymne erschallt aus dem Autoinnern. Der Soundtrack – mal zappt sich Luc durchs Radio, mal legt er gezielt eine CD ein – fängt die Stimmung auf und verstärkt sie. Zwischendurch gluckert’s im Benzinkanister. Man fragt sich, was Luc damit vorhat.

Dramatischer Höhepunkt im Parkhaus

Bald ist’s vorbei mit der Feierlaune. Man will nicht spoilern. Doch versteht man allmählich, wieso das Zitat aus dem Film «Fight Club» zur Stückbeschreibung herangezogen wird: «Erst nachdem wir alles verloren haben, haben wir die Freiheit, alles zu tun», sagt Tyler Durden, gespielt von Brad Pitt. Die Spannung liegt in den sanft gestreuten Hinweisen, durch die man als unsichtbarer Fahrgast langsam begreift, warum dieser Luc so verzweifelt ist. Auch lässt das Stück viel Interpretationsspielraum. Nur so viel: Im Parkhaus Altstadt findet es seinen dramatischen Höhepunkt.

Gedämpfte Stimmung auf der Rückfahrt

«Wir wären nicht ungern die Stimme unserer Generation – aber wir befürchten, sie hat schon eine.» Dieser Leitgedanke treibt die Gruppe an. Knapp dreissig sind sie erst, aber auch ältere und jüngere Zuschauer werden mit dem Thema, den Auswüchsen unserer Zeit und was sie mit uns machen, etwas anfangen können: Konsum («Scheissblackfriday»), Grosskonzerne («Scheisskaffeekapseln»), Gentrifizierung usw. Mit dem Gefühl von Verlust, Trauer und Einsamkeit kann sich wohl jeder identifizieren. Die Stimmung auf der Rückfahrt zum Luzerner Theater ist jedenfalls gedämpft, und die Totenstille im Auto macht Sinn. Zu einem früheren Zeitpunkt hat man die Absenz von Sprache eher noch als «Scheisswarten» taxiert.

Mit Manuel Kühne, Jahrgang 1979, konnte «Fetter Vetter» einen erfahrenen Schauspieler gewinnen. Kühne war vier Jahre am Luzerner Theater, bevor er sich 2011 in die freie Szene verabschiedete. Mit «Wayfarin’ Strangers» hat er 2016 als Regisseur ein ähnliches Projekt realisiert. Mit dem mobilen Theater spazierte das Publikum einen Abend lang durch die klischeebelastete Baselstrasse.

Interessant wird sein, wie «Fetter Vetter» das Stück den neuen äusserlichen Gegebenheiten anpassen wird, wenn die Weihnachtsbeleuchtung weg ist und die Tage langsam wieder länger und wärmer werden – nach dem 7. Februar sind weitere Aufführungen von Ende April bis zum 10. Mai geplant. Verändert sich damit auch die Grundstimmung der Figuren?

Die kleinste ­ der grossen Bühnen

Wohin steuern die «Omas», wie sich das Theaterkollektiv selber nennt? «Vielleicht auf die grossen Bühnen», sagte Dlaboha noch Anfang Jahr. Und vielleicht auch nur, um dort zu merken, dass man gerne wieder auf den kleinen lande. Mit «Fremder» haben sie schon mal beides geschafft: In Kooperation mit dem grössten Theater Luzerns bespielen sie die kleinste Bühne.

Zurück am Ausgangsort steigt man aus, verlässt seinen Platz in der ersten Reihe – genau eine Stunde, fünfzehn Minuten sind vergangen – und könnte das ewig so weiterdrehen: «Scheissgeisslechlöpfer». Und wirklich überall diese «Scheissstromfresser». Aber wütend ist Luc gerade nicht mehr. «Gute Nacht» ist das Letzte, was man hört von einem, der nicht wird schlafen können.

«Fremder – Das Autostück». Vorstellungen bis 26. Januar beinahe ausverkauft; der Vorverkauf für die Fahrten ab 29. April ist eröffnet. Infos/VV: www.luzernertheater.ch/fremder.