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Vier Grössenwahnsinnige mit Schmetterlingen im Bauch: Sie wollen die Theaterszene aufmischen

Fetter Vetter & Oma Hommage wollen die hiesige Theaterszene aufmischen. Das junge Theaterkollektiv bringt kommende Woche seine neuste Produktion im Kleintheater Luzern zur Aufführung.
Jana Avanzini
Die Truppe mit (von links) Elke Mulders, Gilda Laneve, Damiàn Dlaboha und Béla Rothenbühler. Bild: Jakob Ineichen (Luzern, 3. Januar 2019)

Die Truppe mit (von links) Elke Mulders, Gilda Laneve, Damiàn Dlaboha und Béla Rothenbühler. Bild: Jakob Ineichen (Luzern, 3. Januar 2019)

Elke Mulders sitzt am Rand der Luzerner Kleintheaterbühne, bewaffnet mit Schwamm und Putzmittel. Die Szenografin kämpft gegen weisse Farbe am schwarzen Podest. Regisseur Damiàn Dlaboha und Assistentin Gilda Laneve unterhalten sich am überladenen Regietischchen. Darüber rollt ein Apfel und fällt und landet zwischen den Scheinwerfern. Béla Rothenbühler erscheint mit Einkäufen: Vanish Oxi Action und Schwämme «in drei verschiedenen Scheuerstärken» packt der Dramaturg auf die Bretter. Begeisterung bei Elke Mulders am Podest.

Damit ist «Fetter Vetter & Oma Hommage» komplett. Das Luzerner Kollektiv steckt in den Vorbereitungen seiner ersten Vollprofiproduktion « Ein Kind unserer Zeit» mit fünfköpfigem Ensemble und dreiköpfiger Liveband. Der erste Durchlauf ist durch, die Premiere steht am 9. Januar auf dem Programm. Sie hätten Schmetterlinge im Bauch, sagen die «Omas», wie sie sich selber nennen.

Man nennt sie die «Jungen Wilden»

In Luzern nennt man sie die «Jungen Wilden». Seit «Fester!», ihrer ersten Produktion im Juni 2015 im Neubad, mischen sie die hiesige Theaterszene auf. Mit Experimenten wie «Triptychon», einer riesigen Produktion in Zusammenarbeit mit dem Berner Kollektiv «Faust Gottes» oder mit «Die grosse Menschenschau» im St. Karli Schulhaus. Sie produzieren im Neubad und im Südpol, im Winkel und im Theaterpavillon, im Luzerner Theater und im Kleintheater.

Der Netzwerker des Kollektivs, die treibende Kraft, ist Regisseur Damiàn Dlaboha. 27 Jahre alt, Bart, und gemäss seiner Kollektiv-Kollegen der Kopf des Ganzen. Er behält den Überblick und bringt die Schauspieler dazu, an ihre Grenzen zu gehen. Seit Beginn arbeitet er mit seinem ehemaligen Schulkameraden Béla Rothenbühler. «Er geht mir andauernd auf den Sack», sagt Dlaboha über Rothenbühler, und er meine das im positivsten aller Sinne. Der Dramaturg, Autor und Musiker mit Germanistik- und Philosophiestudium ist der Ideenpool des Kollektivs. 65 Ideen – genau so viele sollen es sein – liegen in seiner Schublade bereit.

Die 26-jährige gebürtige Holländerin Elke Mulders zog für das Kollektiv von Zürich nach Luzern. «Hier stehen die Türen offen», sagt sie. Die überschaubare Grösse der Stadt, die Dichte von Kulturschaffenden und Aufführungsräumen, die Gesprächsbereitschaft und Offenheit – Luzern habe Zürich einiges voraus.

Sie sei eine Meisterin ihres Fachs, sagen die anderen drei, habe unmögliche Ideen und mache diese möglich. Sie selbst schüttelt über die eigenen Ideen lachend den Kopf, wenn sie, wie vor wenigen Tagen, plötzlich einen Lieferschein über 1,5 Tonnen Holz in den Händen hält. In solchen Momenten müsste sich dann Gilda Laneve einschalten. Die 26-Jährige übernimmt im Team Produktionsleitung, Regieassistenz und die Rolle der Mutterfigur. Sie ist die Stimme der Vernunft im Kollektiv der Unvernünftigen.

«Wir leben mit ständiger Schnappatmung»

Grössenwahnsinnig seien sie alle, und naiv, sagt Béla Rothenbühler, und Laneve führt aus: «Wir machen – und anschliessend überlegen wir, ob es machbar gewesen wäre.» Das Stück «Gülle» sei ohne Geld und ohne Raum entstanden. Es vergingen fünf Wochen von der ersten Idee bis zur Premiere. «Wir leben mit ständiger Schnappatmung», so Dlaboha. Zeit und Geld, davon sei zu wenig da. Könnten sie sich bei einem Stück nur zwei Profi-Schauspieler leisten, landen sie bei fünf.

Gespart wird bei sich selber und neben der Kunst Geld verdient. Im Service, im Gemeindearchiv, als Musiklehrerin. Sie leben wochenlang von Pasta, Mulders macht beim Bühnenbau die Nächte durch. Das sei jetzt noch möglich, ohne Familie, ohne Verpflichtungen. «Aber Selbstausbeutung ist auch Ausbeutung», kommentiert Rothenbühler. Ein solches Schaffen nur für den Applaus und dafür, sich einen Namen zu machen, sende falsche Signale – besonders an die Politiker in diesem Kanton.

Und doch stehen wieder drei Projekte des Kollektivs in der Pipeline. Daneben werden 2019 alle vier ihre eigenen Ziele verfolgen und nach dem massiven Output der letzten drei Jahre wieder nach Input suchen. Rothenbühler wird sich, in einem «Mentor»-Projekt von Migros Kulturprozent, mit dem Theaterautor Dominik Busch ins Schreiben stürzen. Dlaboha zieht es öfters für Assistenzen und Fassungen ins Ausland, Mulders will den Fokus wieder stärker auf ihre grafische Arbeit legen, und Laneve hat beim Luzerner Theater und Voralpentheater angeheuert.

Das Ziel des Kollektivs? «Gömmer», ist die Antwort – zu schauen, wohin das Ganze führe. «Vielleicht auf die grossen Bühnen», so Dlaboha. Und vielleicht auch nur, um dort zu merken, dass man gerne wieder auf den Kleinen lande.

Die Premiere von «Ein Kind unserer Zeit» findet am Mittwoch, 9. Januar 2019, um 20 Uhr im Kleintheater Luzern statt. Das «Frühwarnstück» ist frei nach dem gleichnamigen Romanfragment von Ödön von Horváth gestaltet.

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