Glam-Rock mit Luzerner Lokalmatadoren: Am 22. November taufen Biscuits from Mars in der Schüür ihre Platte.

Biscuits from Mars frönen dem Sound der frühen 1970er-Jahre, als der Rockmusik viel Make-up und schrille Kostüme verpasst wurden.

Pirmin Bossart
Drucken
Teilen
Tragen durchaus auffällige Kleidung: Biscuits from Mars. (Bild: PD)

Tragen durchaus auffällige Kleidung: Biscuits from Mars. (Bild: PD)

Mit fortschreitendem Alter relativieren sich die strengen Massstäbe jugendlicher Abgrenzungsstrategien. Umso lockerer lässt es sich in den Zwielichtigkeiten her­umtoben, die damals zum Lebensgefühl gehörten und die aus der Retrospektive erst recht augenzwinkernd mit neuem Herzblut aktiviert werden können. So ist zu erklären, dass Mitglieder der alten Luzerner Kultbands Steven’s Nude Club und Melk Them mit Biscuits from Mars ein neues Kapitel aufgeschlagen haben: Es ist – oh Schreck – dem Glam-Rock gewidmet.

Der Schreck verfliegt schnell, lässt man sich erst ein auf das Débutalbum «Stranded on Earth». Es enthält zehn (Vinyl) respektive zwölf (CD) Eigenkompositionen, mit denen das Quartett sich vom heterogenen Erbe von T Rex, Gary Glitter, Roxy Music, The Sweet, Slade und David Bowie inspirieren lässt. Zum Glam-Rock gehören die entsprechenden Klamotten und Styles. Outfitmässig wird auf der Bühne geschmackvoll die Freude am schlechten Geschmack zelebriert. Enge Hosen, Plateauschuhe, weibliche Accessoires, Schminke und Glamour zeigen die Lust am Schrillen und an falschen Identitäten.

Übertreibungen und Verkleidungen

Musikalisch bewegen sich Bi­scuits from Mars zwischen simpel-heimlifeissen Gitarren-Rock ’n’ Roll-Songs à la The Sweet und Slade, die cool hingeschmissen werden, und ausgeklügelteren Kompositionen, die vom Piano getragen werden und an die Sound-Aura von David Bowie anknüpfen. Hinter ersteren Songs steckt Gitarrist und Sänger Toni Bowie alias Melk Thalmann, während die Pop-mässigeren Songs aus der Feder des Pianisten und Sängers Rick Stardust alias Patrick Habermacher stammen. Am Bass pumpt Ibby Pop alias Ibrahim Taha, Schlagzeug spielt Steve Ready alias Diego Stocker.

Was den Glam-Rock auszeichnet und was ihn gar zum «Soundtrack zum gegenwärtigen Fake-News-Zeitalter» macht, darüber hat Stocker einen Text verfasst. Er stellt fest, dass das Selbstverständnis des Glam-Rock auf Ruhm und Starkult basiert, was sich in «visuell geprägten schrillen Bühnenauftritten und der provokativen Veränderung der Persönlichkeit seiner Protagonisten» niedergeschlagen habe.

Neben «schrill» gehören auch Attribute wie «kommerzgeil», «Hochstapelei» oder «hemmungsloser Starkult» zum Wesen des Glam-Rock: Er gefiel sich ­darin, die «Hochrisikozone des zweifelhaften Geschmacks» ungerührt hinter sich zu lassen und mit Behauptungen, Übertreibungen und Verkleidungen Protagonisten auf die Bühnen zu stellen, die sich als Stars benahmen, bevor sie welche waren.

Stocker vergleicht denn auch das Wesen des Glam-Rocks mit den populistischen Auswüchsen des heutigen Politikbetriebes. Ein gutes Beispiel ist etwa das «triebgesteuerte Fame-Monster» Donald Trump, der sein narzisstisches Showgehabe über alles stellt und Übertreibungen und Falschmeldungen als Wahrheit nutzt. Stocker kommt zum Schluss: «Das Ziel des politischen Wirkens beschränkt sich auf Anhäufung von Macht und Reichtum. Was auf der Ebene von Showbusiness harmlos ist, wird in der Politik gefährlich.»

Melk Thalmann und Patrick Habermacher lernten sich 2001 beim Tribute-Projekt «Sweeter Than Sweet» von Hösli kennen. Dort beschlossen sie, mal gemeinsam etwas zu machen. Es dauerte allerdings mehrere Jahre, bis sie ihr Duo «Langue Erotique» gründeten. Als die Lust aufkam, wieder einen Schritt weiter zu gehen, lag – bei ihren Vorlieben und Abgründen – der Glam-Rock auf der Hand: Eine Melange aus Rock ’n’ Roll, Crossdressing, Spass und Ironie, mit eigenen Songs und Texten.

«Ich versuche, auf der Gitarre möglichst jedes Klischee einzubauen», sagt Thalmann. Die Band geniesst offensichtlich die Parodie, aber meint es durchaus ernst. «Natürlich ist es auch eine Parodie, das gehört zum Genre, aber sicher keine Verarschung», schiebt Habermacher nach. Dafür ist ihr Herz für den Glam-Rock und seine Attituden dann doch viel zu gross.

Hinweis

Biscuits from Mars: Stranded on Earth, Vinyl/CD, 2018; 22. November, 21 Uhr, Schüür: Platten-Release-Konzert.

Aktuelle Nachrichten