Interview

Nicolas Stemann: «Grosse, hehre Sachen zersägen können wir gut»

Zürichs Schauspielhaus-Co-Intendant über die Würde seines Amtes und die Kraft des Humors in humorlosen Zeiten aus Anlass seines ersten Stückes, das er für Kinder geschrieben hat, Erwachsene aber genauso begeistert. 

Valeria Heintges und Julia Stephan
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Nicolas Stemann nimmt sich nicht zu ernst in seiner neuen Leitungsrolle in Zürich.

Nicolas Stemann nimmt sich nicht zu ernst in seiner neuen Leitungsrolle in Zürich.

Bild: Gaëtan Bally/Keystone

Nicolas Stemann bekleidet sein neues Amt als Co-Intendant des Schauspielhauses Zürich mit viel Charme und Witz. Sein satirisches Kinderstück «Schneewittchen Beauty Queen» wurde in der internationalen Presse bejubelt und begeistert Kinder und Erwachsene gleichermassen. Am 4. Dezember gibt es eine unzensierte Erwachsenenversion.

Wie oft haben Sie, seit Sie in Zürich sind, als Intendant bei sich gedacht, «Humor ist, wenn man trotzdem lacht»?

Nicolas Stemann: Klar, es gibt Probleme ohne Ende. Aber ich finde es viel schöner, Intendant zu sein, als ich vorher dachte. Aber klar, in so einer leitenden Tätigkeit schadet es bestimmt nicht, wenn man humorbegabt ist. Es gelingt mir tatsächlich, diese Tätigkeit auszuüben, ohne damit zu verschmelzen. Es ist eine Rolle. Damit man das nicht vergisst, hilft es, eine humorvolle Distanz dazu einzunehmen.

Neben all dem finden Sie auch noch Zeit, selbst verkleidet auf der Bühne zu stehen.

Ja, nur in Ausnahmefällen. Wobei hier in Zürich geschieht das gerade relativ oft, das stimmt. Ich hatte erst Sorge, ob es mit dem Amt als Intendant vereinbar ist. Aber wir haben schon bei der Eröffnung gemerkt, als ich mich singend zur Gitarre bei den Sponsoren bedankt habe, dass der Humor eigentlich ein guter Ton ist, um so ein Amt und so ein Haus zu repräsentieren und ein Pu­blikum in einer neuen Stadt anzusprechen – spielerisch und nicht immer ganz ernst. Davon bin ich ermutigt, jetzt kriegen Sie mich nicht mehr so schnell weg von der Bühne.

Spornen Sie sich mit Ihrem ­Kollegen Benjamin von Blomberg da manchmal an?

Es ist gut, dass wir zu zweit sind. Manchmal reicht ein Blick, um zu fragen: «Was spielen wir da gerade für ein pseudo-ernstes Spiel?» Humor relativiert die Dinge. Sich selbst und die Probleme, mit denen man hadert. Er zeigt, dass sie nicht existenziell sind. Man könnte auch über jede Sitzung schreiben «Es gibt auch noch einen Tod». Im Angesicht des Todes sind diese ganzen Probleme lächerlich und klein. Trotzdem gibt es sie, trotzdem brauchen sie eine Lösung. Es hilft, wenn man es irgendwie schafft, sehr humorfreie Formate wie Sitzungen auf eine Art zu führen, dass alle merken: Das ist nur ein Aspekt des Lebens.

Zur Person

Der deutsche Regisseur Nicolas Stemann, 50, ist zusammen mit Benjamin von Blomberg seit der Spielzeit 2019/20 Co-Intendant am Schauspielhaus Zürich. Seine Klassikeraktualisierungen und Elfriede-Jelinek-Uraufführungen wurden an zahlreichen internationalen Festivals gezeigt und mit vielen Preisen ausgezeichnet. Als Schauspieler und begnadeter Musiker steht Stemann in seinen eigenen Produktionen und Formaten gerne selbst auf der Bühne. Stemann lebt in Zürich und ist Vater zweier Kinder (2 und 7).

In allen Arbeiten, die Sie in Zürich zeigen, arbeiten Sie mit den ­Musikern Thomas Kürstner und Sebastian Vogel. Auch in der «Gefahr-Bar», dem absurdesten Format. Sind Sie Brüder im Geiste, Brüder im Humor?

Es ist in erster Linie eine Energie, nicht nur Witz oder Humor, sondern auch eine ganz grosse menschliche und künstlerische Wärme und Uneitelkeit, die die beiden mitbringen, und die Fähigkeit, sich auf eine ernsthafte Art und Weise nicht zu ernst zu nehmen. Und genau darin bestätigen wir drei uns sehr. Und da kann man gemeinsam sehr weit gehen. Wir drücken uns in der «Gefahr-Bar» auf eine Art aus, die auch mal doof werden kann und das auch soll. Wenn es dann auch noch der Intendant macht, könnte man es auch nur noch für albernen Quatsch halten und gar nicht mehr erkennen, dass es auch eine virtuose Kunstsetzung ist. Denn was wir ganz gut können ist, grosse hehre Sachen zu zersägen.

Wann haben Sie sich das letzte Mal kaputtgelacht?

Ach, das passiert relativ oft. Bei den Proben zu «Schneewittchen Beauty Queen» musste ich immer mega lachen: Ich hab auf mich raufgeguckt und gedacht: Krass, jetzt bin ich gerade Intendant geworden und sitze hier und inszeniere eine Gruppe von Zwergen und Märchenfiguren. Und nicht etwa «Hamlet» oder so. Das war so absurd, dass ich mich regelmässig kaputtlachen musste. Herausgekommen ist eine Arbeit, von der ich wirklich finde, dass sie mit zum Besten gehört, was ich in den letzten Jahren gemacht habe.

Haben Sie von Anfang an geplant, mit «Schneewittchen Beauty Queen» ein Stück zu machen, das auch Erwachsenen gefällt?

Es gibt zwei Sorten von Kindertheater: Stücke, in denen die Erwachsenen leiden – das sind die schlechten, denn sie nehmen auch die Kinder nicht ernst. Und die, in denen Erwachsene mindestens genauso viel Spass haben, weil die Stücke auf zwei Levels stattfinden.

«Kindertheater, bei denen die Erwachsenen leiden, sind die schlechten»

Sie haben auch recht harte ­Passagen dringelassen, wo man als Erwachsener auch mal ­schlucken muss. Haben Sie das Stück an Kindern getestet?

Wir haben Schulklassen eingeladen und mit den Kindern diskutiert. Aber meine erste Zuhörerin war meine Tochter. Sie ist sieben, sie fand das schon sehr lustig. Und ich merkte, dass so alberne Sachen wie Wortspiele oder Wiederholungen gut ankommen bei Kindern. Dass aber Dinge, die sie nicht verstehen können, weil sie noch keine Referenz dazu haben, nicht rausfliegen müssen. Wenn der Rest stimmt, der Groove, der Rhythmus und die Fantasie, und wenn das mit kindlichen Erlebniswelten zusammengeht, dann können sie auch mit Sachen umgehen, die sie nicht oder nur halb verstehen.

Wird der kindliche Humor ­unterschätzt?

Auf jeden Fall! Und auch die kindliche Fähigkeit, mit Dingen umzugehen, die sie nicht verstehen können. Die gehen ja durchs Leben und verstehen sowieso 80 Prozent nicht, und kommen trotzdem klar. 

Wir Erwachsene verstehen ja auch nicht sonderlich viel vom Leben.

Genau. Nur dass uns das sofort stresst. Wir wollen dann immer gleich nachgucken und alles sofort googlen. Oder wir machen dicht, interessieren uns nicht mehr. Kinder schaffen das, ohne gestresst zu sein.

Und was zeigen Sie den Erwachsenen im «Director’s Cut»?

Als wir die Entscheidung trafen, eine zweite Version zu zeigen, dachten wir noch, dass wir Kindern viel weniger zumuten können und dass viel mehr Material bliebe für die unzensierte Fassung. Aber der Mythos ist reich und tief und hat Potenzial. Mich interessiert im Moment am meisten die Frage: Was ist eigentlich ein Kind und was ein Erwachsener?

Und Ihre Antwort?

Das werden wir sehen. Es geht in der Inszenierung auch um einen Generationskonflikt – die kindlich-jungen Märchenfiguren stehen am Schluss den Erwachsenen (König und Königin) gegenüber, die den Märchenwald abholzen und die Welt zu zerstören wollen. Das wird sich völlig anders aufladen, wenn wir es für Erwachsene spielen, die hier ja qua Generationenzugehörigkeit eher auf der Seite der Zerstörer stehen.

Es bleibt nicht komisch, leider. Sie antworten auf unsere wenig optimistisch machenden Zeiten mit der «Bibel der Republikaner»: Ayn Rands «Der Streik». Einer 1957 erschienen Dystopie, die völlig kritiklos den Neoliberalismus feiert.

Die Umstände, die gerade dazu führen, dass man seinen Optimismus verliert, haben viel damit zu tun, dass Menschen diesen Stoff als Handlungsanleitung für neoliberale Politik und Wirtschaft verstehen. Das Buch ist in den 1950ern geschrieben worden, mit klarer antikommunistischer Agenda, sehr ideologisch, und es lebt bis heute, auch wenn es in Europa fast unbekannt ist. Aber es ist in unser Denken und unsere Welt eingeflossen. Ich schreibe eine eigene, aktualisierte Fassung. Die Diskussion, wie viel staatliche Eingriffe in die Wirtschaft nötig sind, ist aktueller denn je – Stichwort: CO2-Abgabe, Umweltsteuern, der Mietendeckel in Ber- lin –, das alles wird hart diskutiert, und immer gerieren sich die Unternehmer, obwohl sie auf so vielen Ebenen profitieren, als Opfer. Andererseits verfolgen die autoritären, rechtspopulistischen Systeme neoliberale Wirtschaftsagenden wie sie Ayn Rand beschreibt. Mit Unternehmen, die sich bar jeden sozialen, ökonomischen oder ökologischen Gewissens aus der Verantwortung ziehen, aber profitieren wollen.

Das ist nicht mehr lustig.

Nein. Aber wenn die Unternehmer bei Ayn Rand streiken und sich aus der Gesellschaft zurückziehen, dann könnte man es fast als bittere Satire auf unsere Gegenwart lesen – auch, wenn die Autorin das absurderweise alles ernst meint. Darin liegt schon wieder Humorpotenzial – und ohne Humor ist das gar nicht zu ertragen. Aber es reicht nicht, sich nur darüber zu erheben. Man muss es schon ein bisschen ernster nehmen. Die Theorie ist in der Welt, ganz real.

«Schneewittchen für Erwachsene». 4.12., Schauspielhaus Zürich, Pfauen. Weitere Daten: 10.12./26.12./8.1./28.1. www.schauspielhaus.ch

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