Schönklang in der Tonhalle St.Gallen im Gedenken an die Toten

An Allerheiligen präsentierte das Sinfonieorchester St.Gallen unter dem Titel «Dem Andenken eines Engels» im zweiten Tonhallekonzert passende Musik von Mozart, Berg, Wagner und Mahler.  

Bettina Kugler
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Arabella Steinbacher. (Foto: Shotview)

Arabella Steinbacher. (Foto: Shotview)

Für die Zerbrechlichkeit und Sanftmut des jungen Mädchens, dem Alban Berg sein 1935 entstandenes Violinkonzert als Requiem gewidmet hat – Manon Gropius, im Alter von nur 18 Jahren an Kinderlähmung verstorben –, hat die Solistin Arabella Steinbacher genau den richtigen Ton: schlank und kontrolliert, dabei von berückender Wärme. Unforciert, beinahe schwebend hebt sie an, nimmt das Sinfonieorchester St. Gallen im 2. Tonhallekonzert unter der Leitung von Yoel Gamzou beiläufig mit. Sie lässt sich selbstversunken und feinfühlig zugleich auf Zwiegespräche mit den Bläserstimmen ein, bewahrt bei aller spätromantischer Expressivität eine tiefe innerliche Ruhe, während der Orchesterklang kraftvoll anwächst, die Emotionen mit geballter Energie ausspielt. Damit bewegte sich das Werk mit dem Untertitel «Dem Andenken eines Engels» ganz auf der Seite der Schönheit – wie auch das übrige Programm des Konzertabends im Zeichen des stillen Gedenktags Allerheiligen.

Wagner und Mahler statt einer grossen Sinfonie

Gastdirigent Yoel Gamzou hat in St. Gallen seine Mahler-Kompetenz bereits 2016 an den «Wunderhorn»-Liedern bewiesen. Diesmal hatte er, anstelle einer grossen Sinfonie im zweiten Teil des Konzerts, ein Doppelpack anzubieten: nach Wagners Vorspiel und Liebestod aus «Tristan und Isolde», schwermütig und süffig im Klang, Mahlers «Totenfeier».

Hier begeistert das Orchester mit rhythmischer Prägnanz und Eindringlichkeit. Es ist kein verinnerlichtes Gedenken; das Werk lebt von den jähen Wechseln zwischen bittersüssem, lebenstrunkenem Gesang und einem immer heftiger aufstampfenden Trauermarsch. Wie sehr sich Gamzou verausgabt, lässt sich an seinem Hemd ablesen; schweissnass klebt es ihm schliesslich am Leib.

Dunkle Klangfarben und engelhaft-sensibler Ton

Wie abgeklärt dagegen, verhalten und nobel wirkte Mozarts ­«Maurerische Trauermusik» zu Beginn, als Eingangsstück des ­«Allerheiligen»-Konzerts. Nach anfänglich leicht getrübter Intonation fanden die Holzbläser schnell zu ausgewogenem Zusammenklang. Ergreifend brachte das Orchester die dunklen Klangfarben zur Geltung: ein schöner Kontrast zum anschliessenden Violinkonzert, den filigran ausgespielten melodischen Linien, dem sanften Leuchten bei Alban Berg. Musik, zum Sterben schön und Grund genug, noch lange am Leben sein zu wollen.