Schreibende «Tatort»-Kommissare entern den Buchmarkt

Fernsehstars wie Ulrich Tukur und Axel Milberg schreiben Bücher, über die man in den Talkshows spricht. Und verdrängen mit ihrer Präsenz viele Hochqualitätsliteraten. 

Peter Henning
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Axel Milberg schreibt über seine öde Kieler Vorort-Kindheit. (Bild: Keystone)

Axel Milberg schreibt über seine öde Kieler Vorort-Kindheit. (Bild: Keystone)

Auf dem deutschsprachigen Buchmarkt tragen sich dieser Tage erstaunliche Dinge zu. Wie es aussieht, schickt sich gerade eine Riege schreibender Schauspieler an, die Hochqualitäts­literaten von ihren angestammten hausinternen Spitzenplätzen zu verdrängen.

So finden sich allein in den Herbstprogrammen der renommierten Belletristik-Verlage S. Fischer, Piper und Kiepenheuer & Witsch gleich drei schreibende Schauspieler auf den sogenannten Spitzentitel-Plätzen. War es zuletzt Christian Berkels Familienroman «Der Apfelbaum», der einen weithin aus Film und Fernsehen bekannten Mimen auf die grosse literarische Bühne hob, so sind es nun die Kollegen Ulrich Tukur, Axel Milberg und der Willy-Brandt-Sohn Matthias, die forsch mit literarischen Arbeiten nachgezogen haben.

Milberg: Schlechte Thomas-Mann-Kopie

Zwar erntet Milberg für sein unausgegorenes Erinnerungsstück «Düsternbrook», in welchem er schwerfällig mehr oder weniger banale Erinnerungs­brocken an seine Kieler Vorort-Kindheit über die triste Erzählbühne schiebt – zu Recht krachende Verrisse. Liest man Milbergs Buch, so ist es, als schaute man ihm beim gelangweilten Blättern in Fotoalben über die Schulter, in denen die Geschichte seiner Familie in Schnappschüssen festgehalten ist: Da ist die hysterische Mutter mit ihrer geradezu lüsternen Leidenschaft für Antiquitäten, und auch der Vater, der neben seiner Arbeit als Anwalt in seiner Freizeit jagt. Ergänzt wird das ziemlich kümmerliche Porträt einer Kieler Familie, die sich für «etwas Besseres» hält, durch Snapshots des schwulen Patenonkels und der reitversessenen Schwester des Erzählers Axel. Das mutet buddenbrookhaft an, entwickelt in seiner mit jedem Satz erkennbareren Spiessigkeit aber nicht ansatzweise Thomas Mann’schen Sog. Und als Erzählung funktioniert es erst recht nicht. Denn buchhalterisches Aneinanderreihen familiärer Anekdoten allein macht noch keinen Roman. So fragt man sich abschliessend irritiert: Weshalb, bitte schön, soll man das lesen? Dem Absatz des Buches aber tut das offensichtlich keinen Abbruch.

Tukur: Talkshows kurbeln den Bucherfolg an

Die Nebenher-Literaten touren mit ihren Arbeiten höchst erfolgreich (weil munter aus ihrer Schreibwerkstatt plaudernd) durch die vormitternächtlichen Talkshows. Denn wer einmal bei «Lanz» mit seinem Buch auftritt, dessen Verkaufszahlen schnellen tags drauf verlässlich in beträchtliche Höhen. Tatsächlich aber hält kaum einer der gerade den Buchmarkt aufmischenden Schauspielerromane, was der Name seines berühmten Verfassers verspricht. Angefangen bei Ulrich Tukurs historisch-fantastischer Dystopie «Der Ursprung der Welt», in welcher der Schauspieler, der zweifellos zum Besten dessen zählt, was sein Metier hierzulande an Protagonisten zu bieten hat, so skrupellos drauflosfabuliert, dass einem beim Lesen bisweilen schummrig wird.

Denn Tukur, der zuvor einen interessanten Erzählband vorgelegt hatte, kommt bei seinem Versuch, Historisches mit Fantastischem zu verquicken, ordentlich unter die Räder.

Doch worum geht es? Entrollt wird die abenteuerliche Geschichte des schwäbischen Mittdreissigers Paul Goulet, der im Jahr 2033 per Zufall in Paris beim Bücherbummel zu den Bouquinisten am Seine-Ufer auf ein Fotoalbum stösst, das sein haargleiches Ebenbild in Person eines gewissen Prosper Genoux in den 1920er-Jahren zeigt. Goulet, ganz «Tatort»-Kommissar wie sein Schöpfer, bricht ­entschlossen auf zu einem Trip durch die grosse, weltumspannende Historie. Was er dabei nach und nach zutage fördert, ist dies: Genoux war ein Kinderarzt und Triebtäter, der zur Zeit des Zweiten Weltkriegs als vermeintlicher Résistance-Aktivist agierte, um so junge Frauen in seine Gewalt zu bringen, die er zunächst folterte – und schliesslich aufs Grausamste zerstückelte. Tukur, der es versteht, Zeitstimmungen zu evozieren, blendet immerzu zwischen den Zeitebenen und seinen beiden Gegenspielern – dem Rächer Goulet und dem Monster Genoux – hin und her, um ganz nebenbei das Zerrbild einer Zukunft zu entwerfen, in welcher der Totalitarismus sich Europa wieder Untertan gemacht hat: Repressive Systeme haben ein Klima aus Gewalt und Angst etabliert, und vieles wirkt wie am Vorabend eines Dritten Weltkriegs.

Doch genau hier offenbart sich das Kernproblem von Tukurs Roman, der sich liest wie eine irrwitzige Achterbahnfahrt durch die zum Teil schamlos geplünderte Weltliteratur. Denn Tukur verquirlt Benjamin-, Feuchtwanger- und Thomas- Mann-Versatzstücke mit Elementen aus Anna Seghers’ Roman «Transit» zu einer Räuberpistole. Da wird kopuliert, sexualgemordet, enthauptet und drauflosgefoltert, was das Zeug hält. Und so erstickt das Ganze an einem Zuviel von allem.

Wohltuend unambitioniert: Matthias Brandt

Damit verglichen wirkt Matthias Brandts erster Roman «Blackbird» gerade wohltuend unambitioniert. Darin entrollt dieser die Tom-Sawyer-hafte Schnurre um seinen nur wenig verhüllten, autobiografisch nachgezeichneten jugendlichen Helden Morten «Motte» Schumacher, der sich das erste Mal verliebt und seinen besten Freund sterben sehen muss. Brandt hat ein feines Ohr für die Sounds seiner im Deutschland der Siebzigerjahre spielenden Geschichte. Er vermag jene Zeit noch einmal zwischen den Zeilen seiner kleinen, durchaus anrührenden Geschichte auferstehen zu lassen. Grosse Literatur ist das zwar nicht, aber dieser Roman vermag in seinen milieugenauen Schilderungen durchaus zu überzeugen.

Trotzdem steht am Ende die an die Macher in den grossen Verlagshäusern gerichtete Frage: Gehts vielleicht demnächst wieder weniger prominent? Denn man mag sich gar nicht vorstellen, wie sich das liest, wenn demnächst die «Tatort»- Kommissare Axel Prahl und Jan Josef Liefers ihre Romane präsentieren werden.

Axel Milberg: «Düsternbrook». Piper Verlag, 288 S.
Ulrich Tukur: «Der Ursprung der Welt». S. Fischer, 304 S.
Matthias Brandt: «Blackbird». Kiepenheuer & Witsch, 288 S.