Buchbesprechung: Schreibt hier eine gefährliche Kinderhasserin?

Rachel Cusk beschreibt in «Lebenswerk», wie Geburt und Mutterschaft eine Frau verändern. Die Frau ist sie selber. Nicht zum ersten Mal rüttelt sie an einem Tabu.

Bernadette Conrad
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Rachel Cusk ist 1967 in Kanada geboren und lebt heute in England. Liebe, Ehe, Scheidung, Mutterschaft: In ihren Romanen packt sie die grossen Themen an.

Rachel Cusk ist 1967 in Kanada geboren und lebt heute in England. Liebe, Ehe, Scheidung, Mutterschaft: In ihren Romanen packt sie die grossen Themen an.

Bild: Patrice Normand/Opale/Leemage/Laif

Es war, als ob die Menschen immer gleich über sie herfielen: Wenn Faye, 52, die Schriftstellerin, auf Lesereise war, zu Interviews fuhr oder in Griechenland einen Kurs im Kreativen Schreiben gab, – schon auf ihren Flugreisen dorthin würde sie der Sitznachbar in seine beklemmende, ungelöste Lebensgeschichte verwickeln.

Auch der Taxifahrer hatte schnell erfasst, was für eine Zuhörerin er vor sich hatte, dann packten bald eine Kollegin, der Verleger oder die Friseurin vor Faye die Dramen ihres Lebens aus. Eine Geschichte schlüpft aus der nächsten in Rachel Cusks erfolgreicher, seit 2018 vollständig auf Deutsch vorliegender Trilogie aus den Romanen «Outline», «Transit» und «Kudos». Von der Kritik ­wurde sie als «weibliche Odyssee im ­ 21. Jahrhundert» bezeichnet. Faye erscheint in diesen Geschichtenfluten als ein grosses Ohr, als Resonanzraum für den bedrängenden Stoff des Lebens. Ab und zu ruft einer ihrer beiden Söhne an, – und bietet der Leserin momenthafte Einblicke in Fayes eigenes Leben als Mutter und geschiedene Frau.

Nun stellt Cusk im gerade erschienenen, essayistischen Buch «Lebenswerk. Über das Mutterwerden» genau diesen Aspekt ins Zentrum.

Geburt und Mutterschaft, heisst es darin, seien der «Amboss, auf dem die Ungleichheit der Geschlechter geschmiedet wird».

Bevor sie selbst Mutter geworden sei, habe auch sie «mit der munteren Unsentimentalität der Kinderlosen» die bezahlte Betreuung für die Lösung bei der Vereinbarkeit von Arbeit und Mutterschaft gehalten. Um dann zu erleben, dass die Entbindung «nicht bloss Frauen von Männern scheidet; sie scheidet auch die Frauen von sich selbst, indem sie ihr Lebensverständnis umstülpt. In der Mutter hat ein anderer Mensch gelebt, und nach dessen Geburt lebt er im Einflussbereich ihres Gewissens weiter. In seiner Gegenwart kann sie nicht sie selbst sein, ebenso wenig in seiner Abwesenheit.»

Harsche Reaktionen auf ihre mutigen Worte

Harte Worte, mutige Worte: Vor allem waren es mutige Worte vor fast 20 Jahren, als Rachel Cusks Buch im Original erschien und noch keine Regretting-­Motherhood-Bewegung den kritischen Blick aufs Muttersein aus der Tabuzone geholt hatte. Was passiert mit der Frau, die man vorher war?, fragte Cusk, als sie bald nach Geburt ihrer ersten Tochter das Buch schrieb, schon mit der zweiten schwanger. Denn auf dem Weg zur Mutter, auf dem Weg zur Elternschaft bleibt kein Stein auf dem anderen. Der Preis dieser vorher nicht gekannten Verbindlichkeit ist so hoch wie ihr Gewinn. Als Mutter erlebe sie sich «so einbezogen in die Wunder und Schrecken dieser Welt, wie ich es aus der Anonymität der Kinderlosigkeit heraus nie für möglich gehalten hätte».

Als die britische Öffentlichkeit in grossen Teilen empört darauf reagierte, dass Cusk in ihrem detailreichen Buch alle Aspekte der frühen Mutterschaft, vom kindlichen Weinen, Stillen, der völligen Auflösung der eigenen Lebensrhythmen bis hin zur Belastung der Partnerschaft als Teil dieses grossen persönlichen Verwandlungsdramas zu berühren wagte, hatte sie offensichtlich dies ungeheuer minutiöse Vermessen der Lebenslandschaft einer zur Mutter werdenden Frau nicht gründlich gelesen.

«Vor allem Frauen schrieben, ich sei eine gefährliche Kinderhasserin und nicht in der Lage, mich um meine Mädchen zu kümmern»

, erzählte Cusk im Interview mit der «FAZ». Dabei könnte man Cusks offenes und kluges Sprechen über diese knallharte Schule genauso als Geschichte einer Faszination lesen. Geht es doch um nichts Geringeres als darum, Elternschaft als eine Art Schule der Menschwerdung zu erleben – um den Preis des Ich-Entzuges. Aus dem heraus das Ich sich wandelt.

Was es heisst, Mutter zu sein

Als nach Albertines ersten drei Lebensmonaten ihr unstillbares Weinen aufhörte, ging der jungen Mutter Rachel Cusk auf, dass es «Ausdruck eines furchtbaren, ganz persönlichen Werdens» gewesen und sie also Zeugin einer «zweiten Geburt» geworden war: «Ich merke, dass sie den ersten Existenzschmerz aus eigener Kraft überwunden hat und daraus sich selbst ­erschaffen hat. Und auch mich, denn obwohl ich nichts ausrichten oder verstehen konnte, war ich die ganze Zeit dabei, und das, weiss ich mit plötzlicher Gewissheit, ist Mutterschaft ... Meine Zuneigung, meine albernen Unterhaltungsversuche.. dieses besondere Ich, das ich bei ihrer Pflege hervorkehren wollte, waren ebenso überflüssig wie meine Wut und meine Verzweiflung. Ich muss nichts weiter tun als da sein; dieses nichts weiter schliesst natürlich alles ein, denn da zu sein, bedeutet nirgendwo anders zu sein und alles andere fallen zu lassen.»

So sehr es eine Freude ist, Rachel Cusk auch in diesem – von Eva Bonné gut übersetzten – Buch beim Erleben und Denken zuzuschauen, so seltsam erscheint es doch, 18 Jahre, also fast eine Generation später, dies höchst gesellschaftspolitische Buch so sang- und klang- und kommentarlos vorzulegen. Gern hätte man in einem weiteren Kapitel Vor- oder Nachwort Rachel Cusks heutigen Blick auf die Dinge gelesen. Oder eine andere einordnende Stimme, die von der heftigen Rezeption des Buches bis hin zur heute wieder unter neuen Bedingungen stattfindenden Mutterschaft – mit vielleicht anderer Vatergeneration, einer sich radikal ­digitalisierenden Gesellschaft – dem Buch Kontext verleiht.

Schreiben entlang von gesellschaftlichen Tabus

«Lebenswerk», Cusks keinesfalls veraltetes Buch, einfach nur der erfolg­reichen Trilogie nachzureichen, unterschlägt nicht zuletzt den Blick auf ihren Mut, entlang gleich zweier Tabus sprengender Bücher als Autorin gewachsen zu sein. Als sie für «Aftermath», ihr 2012 erschienenes Buch über ihre Ehe und Scheidung, noch heftiger attackiert wurde als für «A Life’s Work», stellte Cusk – 1967 in Kanada geboren, bis 8-jährig in Los Angeles aufgewachsen, seither in England lebend – für drei Jahre das Schreiben und Lesen ein, bevor sie in ihrer Trilogie eine radikal neue ­literarische Stimme entwickelte.

Darum geht es ja, im Leben wie in der Literatur – um Entwicklung.

«Mir war klar, dass ich mich in der Liebe immer als Opfer gesehen habe, nie als Aggressor»

, heisst es in «Lebenswerk». «Für mich war die Liebe immer etwas, worauf man so unveräusserliche Ansprüche hat wie auf staatliche Sozialleistungen, doch diese Haltung sollte nur meine entsetzliche Angst vor der Möglichkeit, nicht geliebt zu werden, verschleiern ... Es ist, als hätte ich lange Zeit hoch oben in den zänkischen Räumen der romantischen Liebe gelebt und wäre nun in den Keller hinabgestiegen, zwischen die Grundfesten der ­Gefühle. Die Liebe hier unten ist viel ernsthafter, pragmatischer und fleissiger, als ich vermutet hatte, gleichzeitig liegt sie unmittelbar neben der Macht, zu zerstören.»

Tipp:

Rachel Cusk Lebenswerk

Über das Mutterwerden
Aus dem Englischen von Eva Bonné
220 S.
Suhrkamp.