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Seine Skulpturen schweben zwischen Erde und Himmel

Anfang Juni ist der Zürcher Künstler Jürg Altherr im Alter von 73 Jahren verstorben. Doch seine Werke, etwa in Frauenfeld, St.Gallen und Teufen, die auch für Kontroversen sorgten, werden noch lange an ihn erinnern.
Corinne Schatz
«Das Verhängnis»: Skulptur von Jürg Altherr auf dem Waffenplatz Frauenfeld. (Bild: Christian Kurz)

«Das Verhängnis»: Skulptur von Jürg Altherr auf dem Waffenplatz Frauenfeld. (Bild: Christian Kurz)

Jürg Altherrs kompromissloses Schaffen für den öffentlichen Raum hat immer wieder für Kontroversen gesorgt. Sein Credo lautete:

«Kunst kann, sie muss aber nicht schön sein, sie soll Diskussionen auslösen.»

So musste er seine fünf Tonnen schwere Eisenplastik mit dem geradezu schicksalshaften Titel «Meteorit», die 1994 siegreich aus einem Wettbewerb für den Dorfplatz in Aadorf hervorgegangen war, nach einer Abstimmung wieder entfernt. 2006 stellte der Künstler sie – nun vertikal und «Schlitz» genannt, in einer spontanen Geste und unbewilligt dem Zürcher Kunsthaus vor die Haustüre. Als Protest gegen eine dort vorübergehend platzierte Skulptur und als «Anregung zu einer grundsätzlichen Diskussion über Kunst im öffentlichen Raum». Nach wenigen Tagen war der Spuk vorbei.

Erst weitere acht Jahre später sollte die Skulptur anlässlich der Ausstellung des Künstlers und seiner Frau, der Fotografin Thea Altherr, vor dem Zeughaus Teufen ihren definitiven und würdigen Platz finden. Eine Lösung, die den Künstler mit Wurzeln im appenzellischen Speicher besonders freute.

Skulptur auf dem Platz vor dem Zeughaus Teufen. (Bild: Michel Canonica)

Skulptur auf dem Platz vor dem Zeughaus Teufen. (Bild: Michel Canonica)

Der Raum ist nicht da, er muss geschaffen werden

Die Frage nach der Gestaltung des öffentlichen Raumes beschäftigte Jürg Altherr ganz besonders, obwohl er auch ein reiches kleinformatiges Œu­v­re schuf. Dies bewegte den an der Brera in Mailand ausgebildeten Bildhauer wohl auch zu einem Zweitstudium in Landschaftsarchitektur. «Die Leere ist nicht nichts», sagte er und sprach von der «Unendlichkeit», die sich zwischen Erde und Himmel ausdehne und von der jede und jeder ein Stück beanspruche, ob Architekten, Landschaftsplaner, Strassenbauer, die Öffentlichkeit und die Künstler. Raum ist in diesem Sinne nicht einfach da, sondern muss geschaffen werden, und alles, was neu dazukommt, muss sich mit dem Vorhandenen auseinander und in Beziehung setzen. Und dafür braucht es Sorgfalt, Respekt, aber auch eine klare Handschrift und Mut zur Präsenz.

Gerade weil ihm der öffentliche Raum ein zentrales Anliegen war, entwarf Altherr immer wieder besonders markante und teilweise begehbare Skulpturen.

Auch der «Heckenkörper – Körper ohne Haut» bei der Empa in St.Gallen gibt im Dialog mit Architektur und Natur der wenig strukturierten Umgebung einen klaren Charakter und Orientierungspunkt. Seine Werke haben eine Präsenz und Kraft, die jede Passantin, jeden Betrachter in Bann ziehen und durchaus auch aus der Fassung bringen können, weil man oft fast nicht glauben kann, dass sie stabil sind und nicht gleich kippen oder zusammenbrechen.

Die Skulptur «Heckenkörper» bei der EMPA St. Gallen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Die Skulptur «Heckenkörper» bei der EMPA St. Gallen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Stabil im labilen Gleichgewicht

Es ist in erster Linie Altherrs Umgang mit spannungsreichen Kontrasten zwischen Masse und Leichtigkeit, Erdgebundenheit und Schwebezustand, die seinen Werken eigen sind. So auch die vielsagend «Verhängnis» genannte Arbeit in der Kaserne Frauenfeld, wo in luftiger Höhe ein schwerer Betonriegel in einer filigranen Konstruktion aus Drahtseilen und Stahlrohren hängt. Das Gewicht des Betons hält das Ganze sozusagen stabil im labilen Gleichgewicht. Vor allem aus der Ferne, wenn die Seile nicht zu sehen sind, haftet solchen Werken etwas Unfassbares an. Sie sprechen uns damit oft ganz direkt über unsere körperliche Wahrnehmung an.

Schweres zum Schweben zu bringen, die physikalischen Gesetzmässigkeiten scheinbar aufzuheben, sind ein prägendes und wiederkehrendes Motiv und Konstruktionsprinzip in Altherrs Schaffen. Er setzte die Schwerkraft als formbildende und zugleich als das Gleichgewicht wahrende Kraft ein. In späteren Werken befasste er sich vermehrt mit dem Thema der Leere und des Zwischenraums.

Mit Jürg Altherr ist eine Stimme verstummt, die vehement für die Verantwortung des Künstlers als Gestalter unserer Umwelt und zugleich für die Freiheit der Kunst kämpfte.

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