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SCHWEIZ: Schweizer Kunsthandel lahmt

Auktionshäuser verschicken gute Nachrichten, der Kunsthandel verliert indes drastisch an Terrain. Was stimmt nun wirklich? Wir haben bei verschiedenen Anbietern nachgefragt.
Auktionator Kuno Fischer (rechts) während einer Versteigerung zu moderner und zeitgenössischer Kunst im Jahr 2012 in Luzern. (Bild Eveline Beerkircher)

Auktionator Kuno Fischer (rechts) während einer Versteigerung zu moderner und zeitgenössischer Kunst im Jahr 2012 in Luzern. (Bild Eveline Beerkircher)

Julia Stephan und Sabine Altorfer

kultur@luzernerzeitung.ch

Der internationale Kunstmarkt schwächelt. Die Umsätze im Mai in New York waren deutlich tiefer als im letzten Jahr. Noch massiver verloren hat der Schweizer Markt. Von einem «scharfen Taucher» des Schweizer Handels, einem Minus von 34 Prozent von 2014 auf 2015, schreibt der Artprice-Report. Andere Quellen reden «nur» von 20 Prozent. Auch das ist schon deutlich mehr als das weltweite Minus von 7 Prozent. Preisanstiege gibt es derzeit fast nur noch an der absoluten Spitze.

Und diese Rekorde im Hochpreissegment werden von der PR-Maschinerie der Branche pausenlos vermeldet. Denn gute Nachrichten hat der verunsicherte Kunstmarkt nötig. Wie kein anderer reagiert er auf Stimmungen, Zeitgeist und Lifestyle. So fasste auch die diesjährige Art Basel ihre «starken Verkäufe» wieder auf einer Liste zusammen. Und das Auktionshaus Koller Zürich vermeldete in diesem Jahr einen Rekord für Giovanni Giacometti (4,05 Millionen Franken für das Flimser Triptychon) und erzielte mit 9,2 Millionen Franken den höchsten Umsatz aller Auktionshäuser mit Schweizer Kunst. Zuvor hatte Sotheby’s den diesjährigen höchsten Wert für den Schweizer Spitzenreiter Ferdinand Hodler angezeigt (2,2 Millionen Franken für «Champfèrsee») – weit weg vom Rekord (12 Millionen). Der Gesamtumsatz von Sotheby’s für Schweizer Kunst liegt bei 5,1 Millionen, bei Christie’s waren es 3,4 Millionen Franken. Da gab es in der Vergangenheit schon deutlich mehr!

Rückzug aus Auktionsgeschäft

Das europaweit angesehene Luzerner Auktionshaus Galerie Fischer Auktionen mischt seit über hundert Jahren im internationalen Kunstmarkt mit. Ende Juni gab es überraschend bekannt, man wolle sich ab der zweiten Jahreshälfte aus dem Auktionsgeschäft zurückziehen (wir berichteten). Und das, obwohl das Familienunternehmen, das keine Umsatzzahlen veröffentlicht, bei einer Auktion im letzten Jahr noch einen Albert Anker für 2,3 Millionen Franken versteigern konnte.

Da die vereinzelten Rekordmeldungen, dort der schrumpfende Schweizer Markt. Wie passt das zusammen?

Wenig Marktteilnehmer

Auktionator Kuno Fischer findet für das Hintertreffen der Schweiz verschiedene Gründe. Zum einen sei da der relativ kleine Markt für Schweizer Kunst. Gesammelt würden die Amiets, Hodlers und Ankers vor allem von Schweizern. Ein einziger Rückzug eines Sammlers könne da «unmittelbare Folgen für das Preisbild eines Künstlers haben», so Fischer. Dass eine Auktion bei so wenigen Marktteilnehmern eher risikobehaftet sei, spielte mit hinein in die Entscheidung, warum man bei Fischer nun verstärkt auf die bis anhin nur nebenbei getätigte Vermittlung privater Verkaufsgeschäfte setzt.

Hinzu komme, dass die Unsicherheit in der Weltwirtschaft die Käufer im mittleren Preissegment «zurückhaltender und preissensibler» gemacht habe. Unbeeindruckt hingegen ist eine zahlungskräftige internationale Kundschaft. In den Metropolen New York, London, Paris oder Hongkong gibt sie Unsummen für moderne und zeitgenössische Kunst aus, die dann für Rekordmeldungen sorgt wie Pablo Picassos «Frauen von Algier» im letzten Jahr. Für umgerechnet 173 Millionen Franken kam das Gemälde bei Christie’s New York unter den Hammer.

Metropole fehlt

Wer nach solch hochpreisiger Ware Ausschau hält, kommt nicht in die Schweiz. «Im Gegensatz zum Ausland hat sich der Auktionsmarkt für zeitgenössische Kunst in der Schweiz nicht stark entwickelt», sagt Fischer. Dem Land fehle eine international frequentierte Metropole, welche diese Kundschaft erreiche. «Entsprechend profitiert die Schweiz nicht von diesen Höchstpreisen, und die Bilanz fällt dann auch zu ihren Lasten aus», so Kuno Fischer.

Auch grössere Auktionshäuser wie Christie’s verkaufen Kunst des höheren Preissegments lieber im Ausland. Wie etwa im Jahr 2014, als ein Werk aus einer Schweizer Privatsammlung (Juan Gris, «Nature morte à la nappe à carreaux») in London für 51,2 Millionen Franken den Besitzer wechselte. Alexandra Kindermann von Christie’s bestätigt: «Ein Austausch unter den Auktionsstandorten findet statt.» Dies, weil «der Schweizer Markt nicht für alle Sammelgebiete den richtigen Standort» biete.

Der Luzerner Auktionator Kuno Fischer ist beim Geschäft mit zeitgenössischer Kunst bis heute zurückhaltend: Bei den Marktpreisen sieht er «ganz klar Übertreibungen». Dennoch wird auch er im Bereich Moderne Kunst und Nachkriegskunst künftig aufs höchste Preissegment fokussieren. Denn diese Kunst findet internationale Käufer. Und mit deren Finanzkraft lassen sich Geschäfte machen.

Retro ja, Antiquitäten nein

Angesichts des gegenwärtigen «Contemporary»-Hypes geht vergessen, dass die Nachfrage nach Antiquitäten, regionaler Kunst sowie Werken des 19. Jahrhunderts rückläufig ist. Das Auktionshaus Zofingen ist auf Kunst und Antiquitäten spezialisiert. Geschäftsmitinhaber Jules Lang bestätigt, dass die meisten Menschen immer noch gerne Retro-Möbel in ihre verglasten Wohnräume stellen. Den wuchtigen Schrank der Grossmutter lehnen sie aber dankend ab. «Niemand richtet sich heute noch für die nächsten vierzig Jahre ein», sagt Lang und denkt dabei an den modernen Grossstadtnomaden, der Wohnorte, Partnerschaften und Möbeleinrichtung zyklisch wechselt.

Dieser Lifestyle beeinflusst den Kunstmarkt enorm. Lang kann das bei den Hausauflösungen beobachten. Früher brachte er 90 von 100 Objekten zur Versteigerung, heute sind es noch deren 10. Trotzdem bietet er pro Auktion immer noch 25 000 Objekte an. Vor allem Design-Möbel stehen wegen der Retro-Welle hoch im Kurs, ebenso Objekte aus dem asiatischen Raum. Lang setzt seine Hoffnungen auf die Jungen, die ihre Wohnungseinrichtungen momentan bevorzugt auf Flohmärkten und in Brockis zusammensammeln. Im Kunsthandwerk sieht er entgegen geläufiger Branchenmeinungen sogar Potenzial: Die Back-to-the-Roots-Mentalität könnte, so hofft der Auktionator, auch das Interesse am Kunsthandwerk wieder befeuern.

Rekorde – Fluch und Segen?

Lang, der schon Jahrzehnte im Geschäft ist, stört sich an den Sensationsmeldungen seiner Branche. Rekorde kommuniziert er keine. «Die sind relativ. Wenn ein Käufer 1500 Franken für einen Flühliglasbecher zahlt, ist das dann ein Rekord?» Auch die Länder-Dependancen grösserer Auktionshäuser wie Christie’s und Sotheby’s hält er für überholt. «Ein Verkäufer kann heute dank Internet direkt mit London Kontakt aufnehmen, wenn er ein Werk verkaufen möchte», so Lang.

Dem widerspricht Christie’s Schweiz: «Die meisten Kunden lassen sich in unseren Dependancen beraten», sagt Alexander Kindermann. Christie’s Schweizer Dépendancen in Genf und Zürich sind nicht nur Auktionsstandorte für Schweizer Kunst, sondern auch repräsentative Büros, die Einlieferungen für diejenigen Auktionskategorien sichern sollen, die nicht in der Schweiz gehandelt werden.

Aber auch abseits von Metropolen kann man eine Marktnische finden. Lang und seine Geschäftspartner bedienen vom kleinen Zofingen aus seit vielen Jahren eine internationale Kundschaft.

Die meisten versteigerten Objekte, etwa französische Möbel, finden ihre Käufer in den Ländern, in denen sie gefertigt wurden. So lässt der globalisierte Markt die vor Jahrhunderten in ganz Europa gehandelten Waren wieder in ihre Entstehungsländer zurückkehren: als Kunst mit hohem Seltenheitswert.

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