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Schweizer Filme in Locarno: Alles ausser gewöhnlich

Am Locarno Film Festival zeigt sich das Schweizer Kino von seiner besten Seite. Wir haben vier Filme entdeckt, die unsere Sehgewohnheiten aufs Kreuz legen.
Lory Roebuck aus Locarno
Schweizer Filme in Locarno (im Uhrzeigersinn von oben): «Love Me Tender», «O fim do mundo», «Lîle aux oiseux», «Die fruchtbaren Jahre sind vorbei». (Bilder: PD/Collage: jbr)

Schweizer Filme in Locarno (im Uhrzeigersinn von oben): «Love Me Tender», «O fim do mundo», «Lîle aux oiseux», «Die fruchtbaren Jahre sind vorbei». (Bilder: PD/Collage: jbr)

Die Stammplatzgarantie, sofern sie jemals existiert hat, ist Geschichte. «Ich werde keine Schweizer Filme zeigen, nur weil sie Schweizer Filme sind», hatte die neue künstlerische Leiterin Lili Hinstin im Vorfeld angekündigt.

Die Konsequenz: Am diesjährigen Locarno Film Festival, das morgen zu Ende geht, feierten so wenige Schweizer Filme Premiere wie nie zuvor. Ein einziger schaffte es in den internationalen Wettbewerb, ein einziger auf die 8000 Zuschauer fassenden Piazza Grande, zwei weitere liefen im Nebenwettbewerb Cineasti del presente.

Sie habe während des Auswahlverfahrens zwar viele gute Schweizer Filme gesehen, betonte Hinstin im Interview mit dieser Zeitung, doch die meisten seien ihr «zu klassisch» gewesen.

Hinstin wollte bei ihrer ersten Festivalausgabe laut eigenen Angaben nur auf jene Schweizer Filme setzen, die «anders» sind und «filmisches Neuland ergründen», sowie auf «aufregende neue Stimmen» aus der Schweizer Filmbranche.

Doch was bedeutet das eigentlich? Wie sieht dieses Anderssein konkret aus und wer sind die neuen Filmtalente? Wir haben die Schweizer Filme in Locarno unter die Lupe genommen:

«O fim du mundo»
(Regie: Basil da Cunha)

Spira (Michael Spencer) kehrt nach acht Jahren in einer Erziehungsanstalt in sein Heimatdorf zurück. (Bild: Locarno Film Festival).

Spira (Michael Spencer) kehrt nach acht Jahren in einer Erziehungsanstalt in sein Heimatdorf zurück. (Bild: Locarno Film Festival).

Ungewöhnlich am einzigen Schweizer Film im diesjährigen Hauptwettbewerb ist nur schon die Tatsache, dass er gar nicht in der Schweiz spielt. Sondern in Reboleira, einem Slum unweit von Lissabon. Hierhin zog es vor zehn Jahren Basil da Cunha, den Westschweizer Regisseur mit portugiesischen Wurzeln.

Nicht etwa, um Filme zu drehen, wie der 34-Jährige in Locarno verriet, sondern weil er sich nur dort eine Wohnung leisten konnte. In seinem zweiten Spielfilm «O fim du mundo» (auf Deutsch: «Das Ende der Welt») zeigt er nun, wie schlecht die Zustände in Reboleira inzwischen sind.

Es geht um Zwangsräumungen (Stichwort: Gentrifizierung), gewaltsame Drogenkonflikte und um die sich in Luft auflösenden Träume der Immigrantenkinder. «O fim du mundo» ist ein stimmungsvoll inszenier- ter Milieuthriller, der an die frühen Filme von Martin Scorsese («Mean Streets») erinnert.

«Die fruchtbaren Jahre sind vorbei»
(Regie: Natascha Beller)

Leila (Michèle Rohrbach) setzt sich ein Ziel: «Ich werde schwanger!» Jetzt muss sie nur noch den geeigneten Mann dafür finden. (Bild: Cineworx).

Leila (Michèle Rohrbach) setzt sich ein Ziel: «Ich werde schwanger!» Jetzt muss sie nur noch den geeigneten Mann dafür finden. (Bild: Cineworx).

Für die unter dem Motto «Crazy Midnight» zusammengefassten Spätvorstellungen auf der Piazza Grande suchte Lili Hinstin verrückte, massentaugliche Filme mit jugendlichem Flair. Sie fand nur ein Werk aus der Schweiz, auf das diese Beschreibung zutrifft: «Die fruchtbaren Jahre sind vorbei» von Natascha Beller.

Das Kinodébut der 37-jährigen Zürcherin ist eine Komödie über drei Ü30-Frauen in verschiedenen Lebenskrisen. Beller erhielt für den Film kein Fördergeld, genoss dafür maximale kreative Freiheit.

Und die zahlte sich aus: «Die fruchtbaren Jahre sind vorbei» ist die flotteste, frechste und schlichtweg fabulöseste Schweizer Filmkomödie seit Jahren. So viel Inszenierungswitz und Stilsicherheit beim Début? Für Beller werden sich viele Türen öffnen.

«L’île aux oiseaux»
(Regie: Maya Kosa, Sergio da Costa)

Was ist Dokumentation, was ist Fiktion? «L’île aux oiseaux» spielt in einer Vogelpflegeanstalt. (Bild: Locarno Film Festival).

Was ist Dokumentation, was ist Fiktion? «L’île aux oiseaux» spielt in einer Vogelpflegeanstalt. (Bild: Locarno Film Festival).

Der ungewöhnlichste Schweizer Film am Festival spielt in einer Vogelpflegestation in Genf. Das Werk des Regieduos Maya Kosa und Sergio da Costa wirkt auf den ersten Blick wie eine TV-Dokumentation über die hingebungsvolle Arbeit des Pflegepersonals.

Doch schon das ungewöhnliche Bildformat – quadratisch, mit abgerundeten Ecken – lässt vermuten, dass hier nicht alles ist, wie es scheint. Zwar spielen sich die Hauptpflegerin Sandrine, die Chirurgin Emilie und Paul, der Mäuse zur Ernährung der Vögel züchtet, alle selbst.

Doch der neue Lehrling Anton ist in Wirklichkeit ein Schauspieler. Und der äussert aus dem Off, in einer Art literarischer Dauernarration, seine überraschend gehaltvollen Gedanken über die Arbeit in der Vogelpflegestation. In «L’Île aux oiseaux» verschmelzen Dokumentation und Fiktion auf skurrile und humorvolle Weise.

«Love Me Tender»
(Regie: Klaudia Reynicke)

Ungewöhnliche Filmheldin: Seconda (Barbara Giordano) leidet unter Agoraphobie. (Bild: Locarno Film Festival).

Ungewöhnliche Filmheldin: Seconda (Barbara Giordano) leidet unter Agoraphobie. (Bild: Locarno Film Festival).

Genau wie «L’Île aux oiseaux» lief auch «Love Me Tender» in der dem Filmnachwuchs gewidmeten Festival-Nebenreihe Cineasti del presente. Der zweite Spielfilm der 43-jährigen Tessinerin Klaudia Reynicke, die in Peru geboren wurde und in Florida aufwuchs, handelt von einer Frau, die unter Agoraphobie leidet.

Das heisst, sie fürchtet sich davor, öffentliche Plätze zu überqueren. Eine ungewöhnliche Filmprotagonistin, die Reynicke als eine Art Superheldin inszeniert, die über ihren eigenen Schatten springen muss, als ihre Mutter stirbt und ihr Vater sie sitzenlässt.

Im Tauchanzug (statt im Superheldenumhang) macht sie sich auf, den Schutz der eigenen vier Wände endlich zu verlassen – und beiläufig noch das Patriarchat aufs Kreuz zu legen. «Love Me Tender» ist ein lieblich-zartes Filmjuwel, wie man es nicht alle Tage entdeckt.

Fazit:

Lili Hinstin hat unter den Schweizer Filmen gnadenlos ausgesiebt. Das Publikum wird’s ihr danken. Denn die wenigen Werke, die es ins diesjährige Wettbewerbsprogramm geschafft haben, gehörten zu den Highlights unter den insgesamt 125 Filmen, die am Festival gezeigt wurden.

Das war der Schweizer Film von seiner besten Seite: überraschend, herausfordernd und keine Sekunde langweilig.

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