Regula Mühlemann in Luzern: Schweizer Musikschätze aus der Romantik

Die Luzerner Sopranistin Regula Mühlemann taufte ihr Album «Lieder der Heimat». Es steckt voller Trouvaillen in allen Landessprachen.

Katharina Thalmann
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Regula Mühlemann (mit Pianistin Tatiana Korsunskaya) vermittelte berührend Schweizer Musikschaffen. (Bild: Roger Grütter, 23. November 2019)

Regula Mühlemann (mit Pianistin Tatiana Korsunskaya) vermittelte berührend Schweizer Musikschaffen. (Bild: Roger Grütter, 23. November 2019)

Vögel und Blumen, Berge und Bäche: Das Gros der Zutaten für romantische Kunstlieder stammt aus der Natur. Die Natur bildet für Regula Mühlemann den kleinsten gemeinsamen Nenner ihrer Auseinandersetzung mit Heimat. So kuratierte sie ein reizendes Programm für ihre dritte Solo-Einspielung bei Sony Classical, das sie am Samstag im Maihof aufführt: Franz Schuberts «Auf dem Strom» und «Der Hirt auf dem Felsen» (Klarinette: Stojan Krkuleski) bilden das Fundament und das Dach, Kunstlieder von Schweizer Komponisten des 19. Jahrhunderts machen als Täfer, Spitzenvorhänge und Geranien heimatliche Idylle perfekt.

Moderne Künstlerin inklusive iPad

So gelingt es Mühlemann mit «Lieder der Heimat», relativ unbekannte Schweizer Komponisten zu kontextualisieren (siehe Interview in der Ausgabe vom Mittwoch). Am Samstag präsentiert sie sich damit als moderne Künstlerin. Ihre Noten hat sie im iPad, und sie greift selbstverständlich zum Mikrofon. Ihre Ansagen sind charmant wie lehrreich, sie gewährt Einblicke in ihre musikalische Biografie und interviewt den Naturhornisten Konstantin Timokhine zum Thema Instrumentenkunde.

Doch zunächst macht sie ihr Publikum mit dem Schweizer Wilhelm Baumgartner bekannt. Für «Noch sind die Tage der Rosen» schlägt sie einen erwachsenen, reifen Ton an. «Du bist wie eine Blume» gemahnt an Schumanns «Dichterliebe», und Baumgartners Vertonung von Mörikes «Ein Stündlein wohl vor Tag» steht Hugo Wolfs Vertonung desselben Gedichts an Tiefgang leider etwas nach.

Einen Höhepunkt bildet Othmar Schoecks «In der Fremde». Mühlemann trifft die dezidiert aufgewühlte Grundstimmung mit einer Balance aus Introvertiertheit und Dramatik. Auch Emil Freys «Junges Mädchen in den Bergen» erweist sich als Trouvaille: Halb impressionistisch, halb an den berühmten Mignon-Charakter erinnernd, singt Mühlemann betörend Zeilen wie «O Leben, Leben, lass mich nicht allein!».

So reichhaltig diese Entdeckungen aus dem Schweizer Kunstlied-Erbe auch sein mögen, drängen sich immer wieder Assoziationen mit den berühmten Zeitgenossen auf: Baumgartner klingt wie Schumann, Flury wie Wagner, Niggli wie Brahms. Das liegt nicht daran, dass die Unbekannten von den Bekannten abgekupfert hätten. Vielmehr ist unsere musikalische Konditionierung zu gerne bereit, Neues mit Vertrautem zu assoziieren. Mühlemann tut das einzig Richtige, um das zu ändern: Sie verschafft den Schweizer Komponisten eine Plattform und erweitert so unsere Wahrnehmung.

Hin zur romantischen Oper, doch Mozart bleibt zentral

Die Entdeckung der zweiten Konzerthälfte sind zwei Lieder der Genfer Komponistin Marguerite Roesgen-Champion. Fast glaubt man, den Röstigraben der Romantik zu hören, so elegant, so französisch klingen «Cette étoile perdue» und «Une jeune fille parle». Auch hört man, wie gut das romantische französische Repertoire inzwischen zu Mühlemanns Stimme passt.

Erste Erfahrungen mit französischer romantischer Oper hat Regula Mühlemann am Luzerner Theater in Gounods «Roméo et Juliette» gesammelt. «Da durfte ich einen Abend lang stimmlich aus dem Vollen schöpfen», ist sie noch heute begeistert. Nach diesem Erfolg singt sie, wieder in einer romantischen Oper, im Frühling die Adina in Donizettis «Elisir d’amore», diesmal in Wien. Trotzdem bleibt Mozart für sie zentral: «Mozart tut meiner Stimme so gut, dass es keinen Sinn machen würde, daran jetzt grundsätzlich etwas zu ändern.»